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Wortgeschichte zu

Cliquenwirtschaft

Themenfeld Politik & Gesellschaft

Kurz gefasst

Die Wortbildung Cliquenwirtschaft ist in deutschen Texten seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bezeugt. Das Wort wird stets pejorativ verwendet und bezieht sich zuerst auf das negativ bewertete Wirken von Cliquen in literarischen und künstlerischen Kreisen. Heutzutage ist das Wort Cliquenwirtschaft überwiegend in politischen Kontexten gebräuchlich, bezogen auf die Ausübung von Macht und Einfluss bestimmter Gruppierungen.

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Wortgeschichte #

Die Cliquenwirtschaft treibt ihr Unwesen #

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts und somit 100 Jahre nach der Entlehnung des Wortes CliqueWGd ist die Wortbildung Cliquenwirtschaft (auch in der Schreibung Kliquenwirt(h)schaft) in deutschen Texten nachgewiesen. Das Wort wird von Anfang an stets in abwertender Weise verwendet und beschreibt die auf den eigenen Vorteil ausgerichteten Handlungen und Verhaltensweisen von Cliquen. Gleichgesinnte Personen tun sich zusammen, um in der Gemeinschaft ihre Interessen und Ziele besser zu verfolgen und umzusetzen. Und wenn es dabei nur um den eigenen Nutzen geht, wenn sich eine verschworene Gruppe nach außen hin abschottet und wenn möglicherweise Rücksichtslosigkeit anderen gegenüber dazukommt – dann wird von Cliquenwirtschaft gesprochen.

Die frühen Belege beziehen sich auf das als negativ angesehene Wirken von Cliquen in literarischen und künstlerischen Kreisen. So wird 1851 in einer Rezension der neugegründeten Berliner Musik-Zeitung Echo das Bekämpfen der Cliquen=Wirthschaft, die im Musikwesen ihr Unwesen treibe, thematisiert. Ein weiterer früher Beleg aus dem Jahr 1857 findet sich in einem Buch über das deutsche Theater, die Wortbildung wird hier in der Verbindung litterarische Kliquenwirthschaft auf ungerechte Beurteilungen von Theaterkritikern bezogen:

da finden wir denn geradezu Parteien in der Kritik, in dem diese oder jene Schauspielerin, Sängerin, Tänzerin oder die männlichen Kollegen hier bis in den Himmel hinein gelobt und dort wiederum wer weiß wie sehr herabgezogen werden. Hier werden Talentlose protegiert und dort Begabte nachsichtslos verfolgt, und ebenso wird den Dichtern gegenüber nur zu oft verfahren, indem die litterarische Kliquenwirthschaft das der Klique Angehörige eifrig vertheidigt, und das außerhalb derselben Liegende verdammt.

Kritik an literarischen und künstlerischen Netzwerken hat im deutschsprachigen Raum Tradition. Ein überzeugter Kritiker der Cliquenwirtschaft (auch Cliquenwesen, Cliquent(h)um) aller Art war der angriffslustige österreichische Publizist Karl Kraus, der in seiner Zeitschrift Die Fackel alle Formen von Cliquenwirtschaft anprangert (1900).

Kraus attackierte zeitlebens und von der ersten Ausgabe seiner Zeitschrift Die Fackel im April 1899 an jede Art von erkennbarer Cliquenwirtschaft: die Kartelle der Apotheker und der Universitätsprofessoren, die Seilschaften der Freimaurer und der Zuckerbarone, der Dreyfus-Anhänger und der Börsenspekulanten, ganz besonders aber den unaufhörlichen Prinzipienverrat durch die Journaille, sprich der Wiener Presse. Ob es sich nun um Freikarten für Theaterkritiker oder um Journalistenreisen in den Urlaub handelte, ob es um Intendantengeschenke an Rezensenten oder durch Inserate erpresste positive Berichterstattung ging – die Cultur um 1900 schien Kraus von Druckerschwärze zerfressen, die Kritik schrankenlos käuflich, die Journalistik ein Handwerk ohne Überzeugung. [Koch 2011]

All das, was Karl Kraus um die Jahrhundertwende kritisiert, wird auch heutzutage noch mit dem Ausdruck Cliquenwirtschaft verbunden. Neben den als Cliquenwirtschaft interpretierten Aktivitäten in Kultur und Medien (1966a, 2001a, 2003) und im akademischen Umfeld (1971, 1994) wird das Wort auch mit Bezug auf den Bereich des Sports (2001b, 2004) und auf die Kirche häufig verwendet (vgl. Schmalz 2014). Überwiegend findet sich Cliquenwirtschaft in politischen Kontexten, auf die herrschenden Kreise, das EstablishmentWGd und die ElitenWGd bzw. das elitäreWGd Verhalten von Machthabern bezogen. Zudem bezeichnet Cliquenwirtschaft auch das Bestreben bestimmter Gruppierungen innerhalb von politischen Parteien, Macht auszuüben und Einfluss zu nehmen (1997, 2009, 2011a, 2013a, 2014a, 2015, 2018).

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Wortbildungen mit -wirtschaft #

Semantisch vergleichbare Wortbildungen mit dem Zweitelement -wirtschaft wie in Cliquenwirtschaft finden sich bereits seit dem Ende des 16. Jahrhunderts. Die älteste Bildung Hurenwirtschaft (1590, 1698) wird im Deutschen Rechtswörterbuch mit der Bedeutungsangabe Hurenwesen genannt (s. DRW 6, 120, online). Die historischen Korpora des DWDS enthalten weitere -wirtschafts-Wortbildungen in Texten des 19. Jahrhunderts: Pöbelwirtschaft (1832), Kupplerwirtschaft (1840), Mätressenwirtschaft (1847), Günstlingswirtschaft (1849), Pfaffenwirtschaft (1852), Konkubinenwirtschaft (1853), Beamtenwirtschaft (1856), Soldatenwirtschaft (1854), VetternwirtschaftWGd, Judenwirtschaft (1897).

Als Basis für die Bedeutung des Elements -wirtschaft in den hier behandelten Wortbildungen kann eine gegenwartssprachlich nicht mehr präsente allgemeine Bedeutung Tun und Treiben des Substantivs Wirtschaft angenommen werden (vgl. 20Kluge, 863), die im Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm folgendermaßen beschrieben wird:

hantierung, art und weise des vorgehens und verhaltens; innere ordnung, structur einer sache; lebensweise; tun und treiben, insbesondere solches unordentlicher, verworrener art. […] damit verbindet sich oft, besonders im gegenwärtigen sprachgebrauch, eine negative wertung dieser mannigfaltigkeit […]. [s. 1DWB 14,2, Sp. 677, online]

Durch das Anfügen des Elements -wirtschaft an Personen- oder Gruppenbezeichnungen werden Kollektiva gebildet, die die Gesamtheit der Vorgänge, die mit diesen Gruppen – ihren Aktivitäten und Verhaltensweisen – zusammenhängen, ihr Tun und Treiben negativ bewerten. Häufig ist bereits das Erstglied der Wortbildung negativ konnotiert (Hure, CliqueWGd), das Basiswort kann aber auch eine neutrale Grundbedeutung haben (Beamte, Vetter).

In den hier behandelten Wörtern ist -wirtschaft als Wortbildungselement mit pejorativer Funktion im Übergangsbereich zwischen Komposition und Ableitung anzusehen.1)

Das Element -wirtschaft ist reihenbildend und trägt im Vergleich zu dem frei oder in Zusammensetzungen (wie Energiewirtschaft, Hauswirtschaft) vorkommenden substantivischen Wort Wirtschaft eine relativ abstrakte Bedeutung. Das Wortbildungsmuster ist seit dem 19. Jahrhundert regelmäßig erkennbar und auch gegenwartssprachlich produktiv.

Die ebenfalls abwertenden Bildungen Zettelwirtschaft (Durcheinander an Notizen und unsortierten Zetteln u. ä.) oder Junggesellenwirtschaft (der ungeordnete Haushalt eines Junggesellen) sind von Cliquenwirtschaft u. a. semantisch zu unterscheiden, da in diesen Wörtern der Aspekt der Unordnung und des Durcheinanderseins ausgedrückt wird, der in Wortbildungen wie Cliquen-, Günstlings- oder Vetternwirtschaft nicht im Vordergrund steht.

Nach dem Wortbildungsmuster der bereits genannten etablierten Ausdrücke werden im 20. Jahrhundert weitere Wortbildungen mit -wirtschaft und einem Basiswort aus dem Wortfeld Verwandte gebildet. Die familiäre Verbindung der begünstigten bzw. begünstigenden Personen wird in situations- und kontextgebundenen Okkasionalismen konkretisiert: Brüderwirtschaft (1978a, 2010), Neffenwirtschaft (1995), Väterwirtschaft (1996a, 2006) und Schwesternwirtschaft (2011b). Zudem finden sich seit den 1970er Jahren im DWDS-Korpus auch Bildungen mit übergeordneten Begriffen wie ClanWGd, FamilieWGd, Sippe und Verwandte, die alle pejorativ, teilweise auch scherzhaft für das Tun und Treiben dieser familiär bzw. verwandtschaftlich verbundenen Gruppen verwendet werden (1999, 2000a, 2013b, 2014b).2)

Während die hochdeutsche Form Freundeswirtschaft (1996b) nur vereinzelt verwendet wird, sind die mundartliche Varianten Freunderlwirtschaft (2017), Vetterleswirtschaft und Spezlwirtschaft im bairischen und schwäbischen Sprachraum durchaus gebräuchlich (vgl. VetternwirtschaftWGd).

Kollokationen #

Als Wörter, die häufig in der näheren Textumgebung von Cliquenwirtschaft zu finden sind, wären zu nennen: Bestechung (1986), Filzokratie (1987), Filz (2000b) sowie das Adjektiv verfilzt (1966b), Inkompetenz (1974), Korruption (2013c) und das Adjektiv korrupt (2000c), Machtmissbrauch (1997), Nepotismus (1987) und Seilschaft (2005). Kritiker erheben Vorwürfe von Cliquenwirtschaft (1960) und der Kampf gegen die Cliquenwirtschaft (1973) drückt sich in Verbindungen mit Verben aus: Cliquenwirtschaft wird angeprangert (1967), aufgedeckt und soll ausgerottet werden (2000d), wird bekämpft (1963), beklagt und kritisiert, außerdem soll der Cliquenwirtschaft ein Riegel vorgeschoben werden (1971). Zudem steht der Ausdruck häufig in Wortpaaren mit den anderen bedeutungsähnlichen -wirtschafts-Wortbildungen Klüngelwirtschaft (1918), Clanwirtschaft (2002), Günstlingswirtschaft (1978b) und VetternwirtschaftWGd (1971, 1978c).

Kerstin Meyer-Hinrichs

Anmerkungen #

1)Hier wird auf den seit langem kontrovers diskutierten Affixoid-Begriff verzichtet, vgl. Fleischer/Barz 2012, 58–63 und 5Metzler Lexikon Sprache, 17.

2)In Familienwirtschaft ist der Bestandteil -wirtschaft in der Bedeutung Familienklüngel als Wortbildungselement anzusehen. Gebräuchlicher ist jedoch die Verwendung des Wortes für landwirtschaftlicher Betrieb o. Ä., der sich im Besitz einer Familie befindet, von Familienmitgliedern betrieben wird, dabei handelt es sich um eine Zusammensetzung, in der Wirtschaft das Grundwort ist (vgl. Duden online unter Familienwirtschaft).

Literatur #

DRW Deutsches Rechtswörterbuch. Wörterbuch der älteren deutschen Rechtssprache. Bis Bd. 3 hrsg. von der Preußischen Akad. der Wiss., Bd. 4 hrsg. von der Deutschen Akademie der Wissenschaften (Berlin, Ost), ab Bd. 5 hrsg. von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften (bis Bd. 8 in Verbindung mit der Akademie der Wissenschaften der DDR). Bd. 1 ff. Weimar 1912 ff. (adw.uni-heidelberg.de)

Duden online Duden online. Hrsg. von der Dudenredaktion. Mannheim 2011 ff. (duden.de)

1DWB Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Bd. 1–16. Leipzig 1854–1961. Quellenverzeichnis Leipzig 1971. (woerterbuchnetz.de)

Fleischer/Barz 2012 Fleischer, Wolfgang/Irmhild Barz: Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache. 4., völlig neu bearb. Aufl. unter Mitarbeit von Marianne Schröder. Berlin/Boston 2012.

20Kluge Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Aufl. bearb. von Walther Mitzka. Berlin 1967.

Koch 2011 Koch, Wolfgang: Warum Karl Kraus fundamental versagt hat. In: taz blogs (online), 24.09.2011. (taz.de)

5Metzler Lexikon Sprache Glück, Helmut/Rödel, Michael (Hrsg.): Metzler Lexikon Sprache. 5., aktualisierte und überarbeitete Auflage. Stuttgart 2016.

NDB Neue Deutsche Biographie. Bd. 1ff. Berlin 1953ff. (deutsche-biographie.de)

Schmalz 2014 Schmalz, Gisela: Cliquenwirtschaft. Die Macht der Netzwerke: Goldman Sachs, Kirche, Google, Mafia & Co. München 2014.

Belegauswahl #

[…]Ja wann die Pfrunden vnd Beneficien nur allein vmb Gelt vnnd gaben zukauffen weren/ solt es noch zimlich wol mit vnser L. Mutter der Heil. Kirchen zugehn. Aber man sihet offentlich/ daß sie mit Hurenwirtschafften/ Kupplerey/ Hurerey/ Ehbruch vnd schandlicher Sodomitischer vnkeuschheit zubekommen sind/ auff daß nur die leiblich vnd geistlich Hurerey wol zusammen geknipfft werd.

Fischart, Johann/Philips van Marnix: Bienenkorb Deß Heil. Röm. Immenschwarms/ seineer Hummelszellen (oder Himmelszellen) Hurnaußnäster/ Brämemngeschwürm und Wespengetöß. Christlingen [i. e. Straßburg] [ca. 1590], Bl. Kk ij r. (books.google.de)

JN einer freundlichen und fruchtzielendẽ underꝛedung kame under anderm vor/ daß villeicht keine uͤberſeztere Kunſt in der Welt were/ alß Lenonia, welche die gute Teutſche/ auf Macedoniſche Einfalt/ Kupplerey oder Hurenwirtſchafft nennen

Heidegger, Gotthard: Mythoscopia Romantica: oder Discours Von den so benanten Romans. Das ist/ Erdichteten Liebes- Helde[n]- und Hirten-Geschichten: Von dero Uhrsprung/ Einrisse/ Verschidenheit/ Nütz- oder Schädlichkeit. Samt Beantwortung aller Einwürffen/ und vilen besondern Historischen/ und anderen anmühtigen Remarques. Zürich 1698, S. [1]. (deutschestextarchiv.de)

[…]Die Revüe, welche verfloſſenen Sonntag auf dem Marsfelde über die Nationalgarde gehalten wurde, gewährte einen unbeſchreiblich ſchönen Anblick. Hundert tauſend Mann Soldaten, und wenigſtens eben ſo viel Zuſchauer, alle auf einem Platze, den man auf den angrenzenden Höhen ſo bequem überſieht. Was mich beſonders freute, war, daß hinter manchem Bataillon, auch ein kleiner Trupp uniformirter Kinder zum Spaſe mit zog. Die Officiere hatten, wie ich bemerkte, oft ihre Noth zu kommandiren, die Buben kamen ihnen immer zwiſchen die Beine. Dann zogen auch die Bleſſirten vom Juli an dem König vorüber, und darunter auch zwei Weiber mit Flinten, die damals mitgefochten. Der König wurde mit großem Jubel empfangen. Der Kronprinz (Herzog von Orleans) dient als gemeiner Kanonier bei der Nationalgarde und ſtand den ganzen Tag bei ſeiner Kanone und legte die Hände an wie die Uebrigen. Den fremden Geſandten, die alle bei der Revüe waren, mußte die ganze königliche Pöbelwirthſchaft doch wunderlich vorkommen. […]An den deutſchen Höfen wird jeder Prinz, ſobald er auf die Welt kömmt, gleich in ein Regiment eingeſchrieben, um von unten auf zu dienen, und ſo während er in’s Bett piſſt, avancirt er immerfort, iſt im ſiebenten Jahre Lieutenant, im zehnten Obriſt, und im achtzehnten General.

Börne, Ludwig: Briefe aus Paris. Erster Theil. Hamburg 1832, S. 85. (deutschestextarchiv.de)

[…]Über die Infamie der unzüchtigen Frauen (quaestum corpore facientes) iſt Folgendes anzumerken. Das urſprüngliche Edict nannte ſie natürlich nicht, weil es überhaupt keine Frauen nannte. Die Lex Julia nannte ſie unter denjenigen, welchen die Ehe mit einem Senator und deſſen männlichen Nachkommen unterſagt war. Es iſt aber kaum zu zweifeln, daß auch mit bloßen Freygebornen ihre Ehe unzuläſſig war, obgleich dieſes nicht ausdrücklich geſagt iſt. Dafuͤr ſpricht erſtlich die anerkannt gleiche Verächtlichkeit dieſes Gewerbes mit dem der Kupplerwirthſchaft, für welches jene Unzuläſſigkeit unmittelbar ausgeſprochen war.

Savigny, Friedrich Carl von: System des heutigen Römischen Rechts. Zweyter Band. Berlin 1840, S. 554. (deutschestextarchiv.de)

[…]Prinzip der Willkühr und des Egoismus. Der freie Wille als einzelnes, geſetzloſes, leidenſchaftliches Subject iſt Angel der Welt. Noch werden die Conſequenzen nicht geahnt; mit dieſer Philoſophie werden Mißbräuche, welche durch das entgegengeſetzte Prinzip, das Poſitive, das Monopol geheiligt ſind, in der frevelhafteſten Ausbeutung beſchönigt und die Höfe überſättigen ſich im Marke des Volks. Die Liederlichkeit, ſo beſchönigt, iſt weſentlich frivol, ſie macht ſich ihre Metaphyſik und ſieht ſich mit boshaftem Lächeln im Spiegel zu, wie ſie genießt. Es iſt nicht Naturfriſche mehr in dieſem Genuß, er iſt reflectirt, reizt ſich galvaniſch, iſt mercurialiſch, ſpricht boshaft jedem wohlbekannten Rechte Hohn. Mätreſſenwirthſchaft, Verführung, Hoffeſt auf Hoffeſt, Jagden, Feuerwerke bei rathloſen Finanzen, ſchamloſe Ballette, Quicken von Kaſtraten, raffinirte Wolluſt. Caſanova.

Vischer, Friedrich Theodor von: Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen. Zum Gebrauche für Vorlesungen. Zweiter Theil: Die Lehre vom Schönen in einseitiger Existenz oder vom Naturschönen und der Phantasie. Erste Abtheilung: Die Lehre vom Naturschönen. Reutlingen/Leipzig 1847, S. 282. (deutschestextarchiv.de)

[…] Eine Politik von Auskunftsmitteln, Günstlingswirthschaft und Egoismus können wohl für einige Zeit einem gewissenlosen und ungerechten Widerstande gegen das Recht zur Stütze dienen. […]Allein der Gang der Gesellschaft ist immer auf- und vorwärts und dieser beständigen und untrüglichen Kraft gegenüber müssen Unwissenheit und Irrthum das Feld räumen. Kenntniß und richtige Würdigung gesunder Prinzipien, Beständigkeit und Ehrenhaftigkeit im Zweck sind allein im Stande, eine weise und gerechte Gesetzgebung und Regierung dauernd zu begründen. Aus diesem Grunde wird unser Feldgeschrei nach wie vor sein: „Die Charter und keine Ergebung!“

N. N.: Neue Rheinische Zeitung. Organ der Demokratie. Nr. 222, Donnerstag, 15. Februar 1849, S. 1220. (deutschestextarchiv.de)

Der geehrte Redacteur des „Echo“ wird gerade in Berlin Stoff genug zum Bekämpfen der Cliquen=Wirthschaft auffinden, womit aber nicht gesagt sein soll, daß sie nicht auch anderwärts ihr Unwesen treibe.

Klitzsch, Em.: [Besprechung von:] Berliner Musik=Zeitung Echo. In: Neue Zeitschrift für Musik. Redigirt von Franz Brendel unter Mitwirkung von Künstlern und Kunstfreunden. Begründet von Robert Schumann, 34. Band [Jg. 18]. Leipzig 1851, S. 89. (books.google.de)

Hier in Rom nun finde ich Alles, was mir in Bologna schon auffiel, in erhöhtem Maße wieder, Schmerz, Elend, Bettelei, corrumpirte Pfaffenwirthschaft, die unvermeidlichen Uebel einer fremden militairischen Occupation, und den stillen Haß der Bevölkerung gegen dieses Treiben.

N. N.: Wochenbericht. Aus Rom. In: Die Grenzboten: Zeitschrift für Politik, Literatur und Kunst 11/1 (1852), 2. Band, S. 28. (suub.uni-bremen.de)

[…]Die Mario’s sind vortrefflich geschildert, die verstehen die Franzosen auch ganz gut, aber die Pariser Herrenwelt hat der Dichter absichtlich entstellt, denn nicht das ist das Gefährliche dieser Damen, daß sie junge Männer zu unsinniger Leidenschaft verführen, der scheußliche Einfluß dieser Concubinenwirthschaft besteht vielmehr darin, daß sie zu jeder wirklichen Leidenschaft unfähig macht.

N. N.: Pariser Brief. In: Die Grenzboten: Zeitschrift für Politik, Literatur und Kunst 12/2 (1853), 1. Band, S. 66. (suub.uni-bremen.de)

[…]Wie fest die Freiheiten dieser kleinasiatischen Städte sich unter dem Hader und eben durch die Zwiste der Monarchen gegründet hatten, beweist zum Beispiel, daſs einige Jahre nachher zwischen Antiochos und den Römern nicht über die Freiheit der Städte selbst gestritten ward, sondern darüber, ob sie die Bestätigung ihrer Freibriefe vom König nachzusuchen hätten oder nicht. Dieser Städtebund war eine förmliche Hansa, eben auch in dieser eigenthümlichen Stellung zu den Landesherren, sein Haupt Rhodos, das in Verträgen für sich und seine Bundesgenossen verhandelte und stipulirte. Hier ward die städtische Freiheit gegen die monarchischen Interessen vertreten und während um die Mauern herum die Kriege tobten, blieb hier in verhältniſsmäſsiger Ruhe Bürgersinn und bürgerlicher Wohlstand heimisch und Kunst und Wissenschaft gediehen hier, ohne durch wüste Soldatenwirthschaft zertreten oder von der Hofluft corrumpirt zu werden.

Mommsen, Theodor: Römische Geschichte. Erster Band: Bis zur Schlacht von Pydna. Leipzig 1854, S. 510. (deutschestextarchiv.de)

[…]Wol bedarf die Gesetzgebung, das Finanzwesen, namentlich in Bezug auf Repartition und Reception der Steuern, einer durchgreifenden Verbesserung; wol ist es an der Zeit, der demoralisirten und demoralisirenden Beamtenwirthschaft ein Ende zu machen.

N. N.: Literatur. In: Die Grenzboten: Zeitschrift für Politik, Literatur und Kunst 15/1 (1856), 2. Band, S. 39. (suub.uni-bremen.de)

Denn nicht immer ist es eine unbewußte oder auf natürlichem Wege entstandene Vorliebe oder Abneigung, welche das Urtheil diktiert, sondern oft genug eine recht absichtliche Parteilichkeit für den Einen oder gegen den Andern. Beides ist in der Regel mit einander verbunden: da finden wir denn geradezu Parteien in der Kritik, indem diese oder jene Schauspielerin, Sängerin, Tänzerin oder die männlichen Kollegen hier bis in den Himmel hinein gelobt und dort wiederum wer weiß wie sehr herabgezogen werden. Hier werden Talentlose protegiert und dort Begabte nachsichtslos verfolgt, und ebenso wird den Dichtern gegenüber nur zu oft verfahren, indem die litterarische Kliquenwirthschaft das der Klique Angehörige eifrig vertheidigt, und das außerhalb derselben Liegende verdammt.

F. C. Paldamus: Das deutsche Theater der Gegenwart. Ein Beitrag zur Würdigung der Zustände. 2. Band, Mainz 1857, S. 186. (bsb-muenchen.de)

[…]Es ist deshalb wohl anzunehmen, daß die Sozialdemokratie wenig günstig über das Werk urteilen wird, wenn auch die sehr rücksichtsvolle amtliche Behandlung der persönlichen Geschäftsmoral der Arbeitgeber, die in den Grenzboten unhöflicher als eine wesentliche Ursache der Mißstände bezeichnet worden war, auf die Kritiker versöhnend einwirken dürfte, da ja die Arbeitgeber fast ausschließlich Juden sind, und die herrschende Mißwirtschaft von den Arbeitern selbst treffend als Judenwirtschaft bezeichnet wird.

N. N.: Maßgebliches und Unmaßgebliches. In: Die Grenzboten: Zeitschrift für Politik, Literatur und Kunst 56 (1897), S. 94. (suub.uni-bremen.de)

[…]Bekannt war mir, dass Herr Bahr auf seine Tournéen den gewissen einen Vortrag mitnimmt, in dem er sich über die „jungen Stürmer“, die er irregeleitet, weidlich lustig macht. Auch, dass er dabei Roseggers Weckruf nach einer Provinzliteratur mit schwächlicher Stimme copiert. Unbekannt war mir, dass der glückliche Nutznießer des Wiener Cliquenthums den Muth aufbringt, in Oesterreichs Provinzen auf die Wiener Cliquenwirtschaft in Theater und Presse zu schimpfen. […]Das steht dem von der Nähe eines Siegfried Löwy oder Spiegl Beseeligten wahrlich schlecht an. Herrn Bahr gegen die verworfene Wiener Presse losziehen hören: — wie schade, dass man nach Linz fahren muss, um solches Vergnügen zu genießen.

Kraus, Karl: Antworten des Herausgebers. In: Die Die Fackel 29, 1900, S. 31. (oeaw.ac.at)

[…]In beiden Gründungen tritt nicht der Wunsch zur Einigung zutage, sondern das Bestreben, die während des Krieges aufgeklafften Gegensätze noch mehr zu betonen. Das ist wieder dieselbe Cliquen- und Klüngelwirtschaft, die wir schon vor dem Kriege zu beklagen hatten, und derselbe dünkelhafte Parteigeist, der unser innerpolitisches Leben eigentlich seit der Beseitigung des Absolutismus beherrscht.

Cleinow, Georg: Weltdemokratie oder nationaler Sozialismus? In: Die Grenzboten: Zeitschrift für Politik, Literatur und Kunst 77/4 (1918), S. 193. (suub.uni-bremen.de)

Den Vorwurf der Cliquenwirtschaft, meist von nichtkorporierten Studenten gegen die „Alten Herren“ erhoben, kommentiert die Deutsche Corpszeitung so: „Diese Cliquenwirtschaft wird von uns… nicht zuviel, sondern zuwenig geübt. […]Wir wissen doch, was corpsstudentische Auslese, corpsstudentische Erziehung und Haltung im im ganzen späteren Leben bedeuten. Ein Corpsstudent bringt deshalb gegenüber einem anderen Bewerber mit sonst gleicher fachlicher Eignung zusätzlich so viel Gewähr für größere Vertrauenswürdigkeit mit, daß die Wahl nicht schwerfallen sollte.“

N. N.: Alte Burschenherrlichkeit 1960. In: Die Zeit, 23. 12. 1960, Nr. 52. (zeit.de)

[…]Die Hauptprobleme sind wirtschaftlicher Natur. Bemühungen, den Bedarf an Nahrungs mittein zu decken und mehr Arbeitsplätze zu schaffen, halten nicht mit der raschen Zunahme der Bevölkerung Schritt. Finanzhilfe der USA, zum wesentlichen Teil für erlittene Kriegsschäden, wirkte sich weitgehend wegen der landesüblichen nicht aus. Präsident Macapagal (Amtsantritt 30. 12. 1961) bemüht sich, Korruption und Cliquenwirtschaft zu bekämpfen und eine freie Marktwirtschaft einzuführen.

Smidt, Maximilian: Südostasien im Schatten Pekings. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. 5. 1963, S. 11.

[…]Die Wahl der Träger der ersten Preise braucht gar nicht als schlecht oder willkürlich empfunden zu werden; es war vorauszusehen, daß sie bei der enttäuschten Mehrheit bittersten Groll und Neid hervorrufen würde. Was ist zum Beispiel ein „vielversprechender“ junger Autor? Wie bei allen solchen Entscheidungen, die hinter verschlossenen Türen gefällt werden, hat es nachher auch hier nicht an Vorwürfen der Bevorzugung öffentlich genehmer Richtungen und der Cliquenwirtschaft gefehlt. Vor der allzu menschlichen Trübung des literarischen Urteils ist niemand gefeit.

Hill, Roland: Literatur im Wohlfahrtsstaat. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. 12. 1966, S. 20.

Lansdale und die ihm ergebenen jungen Offiziere der südvietnamesischen Armee, […]mit denen er nächtelang im Feldquartier über seine Reformpläne diskutiert, müssen aber nicht nur gegen stupides militärisches Denken ankämpfen, sondern auch gegen den Routinetrott einer korrupten Bürokratie und einer verfilzten Cliquenwirtschaft.

Janßen, Karl-Heinz: Geheimwaffe gegen den Vietcong. In: Die Zeit, 11. 2. 1966, Nr. 07. (zeit.de)

Freilich dachten diejenigen, die 1867 die Cliquenwirtschaft der Väter anprangerten, nicht daran, daß dreißig Jahre später ein Schneidermeister beim Kaiser die Regelung von 1867 ebenfalls als „Mißwirtschaft“ anklagen würde.

Heym, Heinrich: Nur ein Drittel ging zur Wahl. Hundert Jahre Stadtverordnetenversammlung. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. 9. 1967, S. 63.

[…]Wahrhaft unabhängig und kritisch werden solche Gremien nur dann sein, wenn sie aus allgemeinen Wahlen aller kompetenten Fachleute hervorgegangen sind. Man könnte etwa daran denken, den Beirat von allen Hochschullehrern der betreffenden Disziplin für eine bestimmte, nicht zu kurz bemessene Zeit wählen zu lassen (doch das brauchte nicht die einzige Lösung zu sein). Ein so konstruierter Beirat müßte auch dafür sorgen, daß die begehrten Stellen im Institut gerecht vergeben werden und aller Vettern- oder Cliquenwirtschaft ein Riegel vorgeschoben wird.

Hoffmann, Hartmut: Kontrolle durch Beiräte. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. 3. 1971, S. 17.

Da wird die Autorin aber Skandal machen mit ihrem furchtlosen Kampf gegen Cliquenwirtschaft und mafiotische Zustände.

Schmidt, Jochen: Vendetta des Schweigens. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. 1. 1973, S. 27.

Im Fall Kluge aber wäre zu wünschen, daß der Innenminister trotz aller Guillaume-, Kanzler- und Kabinettsbedrängnisse durch einen raschen Beschluß den Ausschuß seines Ministeriums von dem Vorwurf der Inkompetenz, übler Cliquenwirtschaft und der Lächerlichkeit befreit.

Donner, Wolf: Filmzensur. In: Die Zeit, 10. 5. 1974, Nr. 20. (zeit.de)

[…]In einem Dorf mit nur noch elf alteingesessenen Familienclans wiederholt sich ein Name wie Zangerl, Schweighofer oder Waibl zwangsläufig in der Liste der Lift-Miteigentümer. Aber die Vettern- und Brüderwirtschaft zahlt sich aus. Die Hänge sind nun von Sessel- und Schleppliften überzogen;

Hays, Peter: Zither-Gottl zupft nur auf Bestellung. In: Die Zeit, 1. 12. 1978, Nr. 49. (zeit.de)

Sozial, wirtschaftlich und politisch blieb alles beim alten. Die in Aussicht gestellten Landreformen kamen nicht vom Fleck und wurden von Dauds Cliquen- und Günstlingswirtschaft im Keim erstickt.

Kohlschütter, Andreas: Kabuls neue Klasse. In: Die Zeit, 9. 6. 1978, Nr. 24. (zeit.de)

Das Regime ist durch Öl reich und durch die Lust an der Macht konservativ geworden. Innenpolitisch führte dies zur sterilen Vettern- und Cliquenwirtschaft, zum Polizeistaat.

Kohlschütter, Andreas: Bruderkrieg der Araber. In: Die Zeit, 11. 8. 1978, Nr. 33. (zeit.de)

[…]Der Sturz der Marcos-Diktatur, den die Filipinos euphorisch als Revolution feierten, ist ein halbes Jahr her – und erst jetzt gewinnen die wirtschaftlichen und sozialen Kämpfe an Schärfe. Zugespitzt geht es um die Frage: Kommt es tatsächlich zu einem Bruch mit der bisherigen Cliquenwirtschaft, mit Schiebung und Bestechung?

Hanke, Thomas: Ein halbes Jahr danach. In: Die Zeit, 22. 8. 1986, Nr. 35. (zeit.de)

Zwar herrschen auch im DDR-Theater längst Marktgesetze, doch können sie jederzeit von kulturpolitischen Eingriffen durchkreuzt werden. Bürokratie und Filzokratie, Cliquenwirtschaft und Nepotismus, eine unheimliche Verflechtung von Kunstproduktion und Ideologie sowie em normativer, doch zur Platitüde verkommener Realismus-Begriff bestimmen und kennzeichnen einen „sozialistischen“ Kulturbetrieb, der, zumal vom Westen aus, kaum zu durchschauen und schon gar nicht zu verstehen ist.

Rossmann, Andreas: Der letzte? DDR-Regisseur Alexander Lang nach Hamburg. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. 11. 1987, S. 27.

Für Chancengleichheit und Transparenz, hieß es damals, gegen professorale Mauschelei und akademische Cliquenwirtschaft. Das Gegenteil ist jetzt herausgekommen. […]Eine solche Verschlingung von Protektion und Selbstbegünstigung wäre in der Epoche der Ordinarienherrlichkeit kaum möglich gewesen. Die Parteien und ihre Mitglieder haben tatsächlich einen Fortschritt zustande gebracht. Wie üblich, begünstigt er nur diejenigen, die für ihn geworben haben.

Adam, Konrad: Mehr umschlungen. Noch einmal: Berufungspolitik in Schleswig-Holstein. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. 3. 1994, S. 35.

Doch gerade die städtische Gesellschaft bleibt gegenüber den kroatischen Brüdern in Bosnien-Herzegowina reserviert. Ihre Tonlage ist zu militant, und schon heute ärgert viele die „Neffenwirtschaft“. In der Herzegowina sind alte Traditionen der Elitenbildung noch lebendig.

Kruse, Kuno: Eine Nation auf Bewährung. In: Die Zeit, 20. 10. 1995, Nr. 43. (zeit.de)

[…]Die Jugendarbeit der Eintracht genießt einen guten Ruf. Obwohl in der Talentschmiede am Riederwald längst nicht mehr alles glänzt. Eifersüchteleien der Trainer untereinander, überzogener Ehrgeiz der Eltern sowie die Verhätschelung von Siebzehnjährigen haben geschadet. Viele Wohlstandsjünglinge wurden erst in der Fremde gestählt und machten dann dort ihren Weg. Kumpanei im Abteilungsvorstand und Väterwirtschaft bei den Betreuern, die vornehmlich den Vorteil ihrer eigenen Sprößlinge wahren wollten, waren einer gedeihlicheren Förderung hinderlich.

Berg, Sebastian: Talente sollen nicht des Geldes wegen bei der Eintracht spielen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. 9. 1996, S. 83.

Eben dieses System hat es ihm natürlich leichtgemacht – um nicht zu sagen: Nur im Schatten eines verkommenen, korrupten, von skrupelloser Vettern- und Freundeswirtschaft geprägten Establishments konnte Haider groß werden. Denn in der Tat ist Österreich nach den Jahren des Wiederaufbaus Opfer seines Wirtschaftswunders geworden.

Maier, Michael: Haiders Wesen. In: Berliner Zeitung, 15. 10. 1996. [DWDS]

Es wäre vielleicht hilfreich, einmal die Liste des jahrzehntelangen Mißbrauch durch die „Eliten“ unserer Gesellschaft zusammenzustellen, um festzustellen, wer für die Verrohung der guten Sitten verantwortlich zu machen wäre. Machtmißbrauch, Cliquenwirtschaft, Ämterpatronage, Korruption – sind alle diese „guten Eigenschaften“ vielleicht aus den sogenannten unteren Schichten erwachsen?

N. N.: Die Gebote der Gesellschaft (Leserbriefe). In: Die Zeit, 24. 10. 1997, Nr. 44. (zeit.de)

[…]In der Auseinandersetzung um die Vergabe von preisgünstigen Bauplätzen an zwei Söhne von Florstadts Bürgermeister Heinz Trupp (SPD) haben die Oppositionsfraktionen CDU und Grüne gestern ein Rechtsgutachten des Anwalts Bernd Rohde vorgestellt. Aus Sicht des früheren Bad Nauheimer Bürgermeisters stellt die Veräußerung der Grundstücke an die Söhne Trupps einen Verstoß sowohl gegen die Bestimmungen der Gemeindeordnung wie der Hauptsatzung der Gemeinde Florstadt dar. Überdies widerspreche die Veräußerung der Grundstücke an die Bürgermeister-Kinder den Beschlüssen der Florstädter Gemeindevertretung. Die Fraktionsvorsitzenden von CDU und Grünen, Philipp Goll und Gerhard Salz, die abermals von „rotem Filz“ und „Familienwirtschaft“ in Florstadt sprachen, forderten Trupp gestern auf, von seinem Amt als Bürgermeister umgehend zurückzutreten.

N. N.: „Verstöße gegen Bestimmungen“. Gutachten kritisiert Baulandvergabe an Bürgermeistersöhne. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. 3. 1999, S. 67.

[…]Alle Genannten absolvierten oder belegen den Studiengang Szenisches Schreiben an der HdK. Bei aller Kritik an dieser Sippenwirtschaft muss anerkannt werden, dass nur ein innigst zusammenarbeitendes Ensemble das vollbringen konnte, was zumindest an zweien der Abende hier möglich wurde.

Lach, Roman: Als das Theater Spiel war. In: Berliner Zeitung, 28. 6. 2000. [DWDS]

[…]Die seit 1957 herrschende Regierungspartei LDP verschleißt sich in Intrigen. Sie zersplittert in Fraktionen, die einander lahmlegen. Sie betreibt eine schamlose Klientelpolitik, bei der die Kumpanei oft bis zur regelrechten getrieben wird. Die Bauern und die Baufirmen werden dabei begünstigt, die Bewohner der Städte sträflich benachteiligt. Alle Reformansätze ersticken immer wieder im Filz der Cliquenwirtschaft.

Sommer, Theo: Japans verlorenes Jahrzehnt. In: Die Zeit, 20. 12. 2000, Nr. 52. (zeit.de)

[…]Harsche Urteile für einen aufrechten Mann, der jahrelang in Haft saß, nachdem ihn der koreanische Geheimdienst in einer Nacht- und Nebelaktion aus Korea entführt hatte; für einen Vorkämpfer der Menschenrechte, der die Hochachtung der Welt errungen hat; für einen fünfundsiebzigjährigen Demokraten, der sich seinen Weg ins Blaue Haus, den Präsidentenpalast zu Seoul, hart erkämpfen musste. Heute muss er sich „unerträglichen Dilettantismus“ vorwerfen lassen, Versagen vor den ökonomischen Herausforderungen nach der Finanzkrise von 1997/98, Halbherzigkeit seiner Reformpolitik, korrupte Cliquenwirtschaft und unfähiges Management.

N. N.: Korea: Fragezeichen überm Blauen Haus. In: Die Zeit, 20. 12. 2000, Nr. 52. [DWDS] (zeit.de)

[…]Auf Platz zwei der Schuldnerliste stand Timor Putra Nasional, ein Autohersteller unter der Leitung von Tommy Suharto, dem ältesten Sohn des ehemaligen Staatschefs Suharto. Auf Platz fünf rangierte dessen zweitältester Filius Bambang Trihatmodjo mit seinem Petrochemiekonzern – und das, als Suharto längst abgedankt hatte. Kritiker fürchten, dass die Behörde die Cliquenwirtschaft nicht auszurotten vermag, dass sie nur als Statthalter fungiert, bis die Clans sich wieder hochrappeln und ihre Imperien zurückkaufen.

Hoffritz, Jutta: Weg mit dem Ballast. In: Die Zeit, 17. 2. 2000, Nr. 8. (zeit.de)

Kein Wunder, dass es mit ihm immer mehr und immer schneller bergab ging. Ein Wust von Filz, Unfähigkeit, Cliquenwirtschaft und Intrigenschmiede, doch fast alle Insassen der einst bedeutenden Sendeanstalt waren überdies ausgestattet mit einem Mordsdünkel: Fernsehbeamte halt, die meist durch Beziehungen hier untergebracht worden waren.

Der Tagesspiegel, 23. 11. 2001. [DWDS]

Tony Woodcock, dem neuen Sportvorstand der AG, sei alles Glück gewünscht, das er für seinen sicherlich nicht leichten Job braucht. […] Peter Fischer hält Woodcock zugute, er sei nicht „verbrannt“, er käme nicht aus der bei der Eintracht üblichen Cliquenwirtschaft, folglich könne er völlig unbelastet an seine Aufgabe herangehen.

N. N.: Nicht gefunden: Local Player. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. 7. 2001, S. 67.

Im palästinensischen Nationalismus hatte ja nicht nur das Scheitern der Hoffnungen in die erste Intifada zur Ausbreitung von Ohnmachtsgefühlen geführt. Auch die Clan- und Cliquenwirtschaft der PLO-Elite verhinderte jede demokratische Machterfahrung auf kommunaler Ebene.

Kallscheuer, Otto: Währung der Gewalt. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. 4. 2002, S. N3.

Mancherorts haben sich Kritiker heute des Vorwurfs der Cliquenwirtschaft zu erwehren. In Frankreich, wo das gleichzeitige Jonglieren mit den Bällen Kritikerfunktion, Lektorentätigkeit bei Verlagen, Sendemoderation in Rundfunk und Fernsehen, Jurymitgliedschaft für Literaturpreise und gleichzeitig eigener Buchautorenschaft besonders virtuos betrieben wird, hat eine wahre Schnitzeljagd nach der literaturkritischen Voreingenommenheit eingesetzt.

Hanimann, Joseph: Literaturkritik in Frankreich. Vogelscheuche der Privatmeinung? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15. 4. 2003, S. 44.

„Das sind Erlebnisse, die Spieler enger zusammenrücken lassen, wenn einer einen Elfer verschuldet und der andere ihn hält. Es wurde ja kolportiert, dass es Cliquenwirtschaft gäbe. Heute stand eine Elf auf dem Platz, die diese Partie nicht verlieren wollte. “

Itzel, Ralf: Reif für den Niederschlag. In: Berliner Zeitung, 25. 11. 2004. [DWDS]

Kriworisch-Stal nämlich war bis zum Oktober das krasseste Beispiel jener korrupten Cliquenwirtschaft, die vor dem Umsturz vom letzten Winter die Ukraine erdrückte. […]2003 hatten die beiden mächtigsten Oligarchen des Landes, der Kohlebaron Achmetow und der Stahlmagnat Pintschuk, zufällig ein Schwiegersohn des damaligen Präsidenten Kutschma, die Stahlhütte für ein bloßes Sechstel des jetzt erzielten Kaufpreises vom Staat erworben, nachdem potente ausländische Interessenten durch maßgeschneiderte Ausschreibungsklauseln ausgeschlossen worden waren. Diesen „Diebstahl“ rückgängig zu machen war seither eine der Kernforderungen der Opposition unter Juschtschenko gewesen, und nach dem Umsturz hob ein Kiewer Gericht die Eigentumstitel der Kutschma-Günstlinge Pintschuk und Achmetow auf. Die Neu-Privatisierung hat nun die Entmachtung der alten Seilschaften besiegelt und ein Hauptversprechen der Revolution erfüllt.

Schuller, Konrad: Die Entmachtung einer korrupten Cliquenwirtschaft. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28. 11. 2005, S. 12.

[…]Stefan Pischinger verkörpert das Kuschelmodell in mehrfacher Hinsicht: Er leitet nicht nur seine Motorenschmiede, sondern ist auch Inhaber des Lehrstuhls für Verbrennungskraftmaschinen und Leiter des Instituts für Thermodynamik an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH). In all diesen Funktionen hat er – in der Community durchaus unüblich – 1997 seinen Vater, den Motorenpapst, beerbt. Die Hochschule sah sich ehedem wegen des Vorwurfs der Vetternwirtschaft (eigentlich: Väterwirtschaft) veranlasst, mit einem Zusatzgutachten den Eigenwert des Juniors zu belegen (der immerhin am Bostoner MIT promoviert hat).

Strassmann, Burkhard: Päpste in Aachen. In: Die Zeit, 9. 11. 2006, Nr. 46. (zeit.de)

In Hessenwerfen viele Linken-Mitglieder ihrer Führung einen elitären und basisfeindlichen Führungsstil vor. Dutzende waren im Frühjahr aus der Partei ausgetreten - wegen Mobbing und Cliquenwirtschaft, so nur einige Vorwürfe.

Schlieben, Michael: Attac schlägt Lafontaine. In: Die Zeit, 26. 4. 2009, Nr. 18. (zeit.de)

Es ist unfair gewesen, dem deutschen Außenminister während seiner Dienstreise Brüderwirtschaft und Lebenspartnerbegünstigung vorzuwerfen. […]Gute Regel war einmal, dass Kabinettsmitglieder bei Auslandsreisen nicht über deutsche Innenpolitik reden und in der Innenpolitik nicht über Kabinettsmitglieder hergezogen wird, die sich im Ausland aufhalten. Die Regel war bereits während Westerwelles Türkei-Reise im Januar gebrochen worden.

N. N.: Fragen an Westerwelle. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15. 3. 2010, S. 1.

In Wilhelmsburg verlangten die CDU-Mitglieder mehr Mitsprache in der Partei. Die „Cliquenwirtschaft“ und „Hinterzimmerpolitik“ müssten aufhören, hieß es. Zudem habe man sich zu sehr auf die Lichtgestalt Ole von Beust verlassen, alles abgenickt und dabei Kritikfähigkeit eingebüßt

N. N.: Im Schatten der Lichtgestalt. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5. 3. 2011, S. 4.

Ihre Schwester, die Vorsitzende Dunja Meyers, meldete Bedenken an, der Vorstand könne dann nach Außen hin mit Vettern- beziehungsweise Schwesternwirtschaft in Verbindung gebracht werden.

N. N.: Meyerei im Sattel auf Gut Hassenberg. In: Aachener Zeitung, 18. 4. 2011. [DWDS]

[…]Cahuzacs Fall markiert das Ende der Hoffnung, dass die Regierungsübernahme durch die Sozialisten im vergangenen Mai der Startschuss zur Erneuerung des Landes gewesen sei. Diese Hoffnung hatte den Kandidaten Hollande, trotz seiner Blässe, an die Macht getragen. In seinem Wahlsieg manifestierte sich der Überdruss an der affärenreichen Cliquenwirtschaft des Vorgängers Nicolas Sarkozy und dazu die Erwartung, dass der neue Präsident den in Jahrzehnten verfilzten Politikbetrieb aufmischen würde.

Fichtner, Ullrich: Frankreich. Außer Atem. In: Der Spiegel, 8. 4. 2013, S. 97.

Und dann unsere Sonntagszeitung. Wirft einfach so die Frage auf, wie es sein könne, dass Sie von der Verwandtenwirtschaft um Sie herum gar nichts gewusst haben, wo doch die CSU eine einzige große Familie ist, wie man jetzt wieder sieht.

N. N.: Fraktur. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. 5. 2013, S. 2.

[…]Was ist gegen Hayeks Idee einer durch universale Eigentumsgarantien abgesicherten freien Marktgesellschaft eigentlich einzuwenden? Und ist der oft durch Cliquenwirtschaft und Korruption durchsetzte nationale Partikularismus auf der anderen Seite wirklich so verteidigenswert, wie Streeck suggeriert?

Deutschmann, Christoph: Warum tranken die Pferde nicht? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung (online), 23. 9. 2013. (faz.net)

In „Great Britain“ nimmt er die skrupellosen Vorgänge bei einer Tageszeitung mit unverkennbaren Ähnlichkeiten zu Murdochs „Sun“ zum Anlass, um die Cliquenwirtschaft im Herzen des politischen Establishment zu karikieren, die durch die Abhöraffäre ans Licht gekommen ist: die engen Beziehungen Rupert Murdochs zu Downing Street, wo er oft durch die Hintertür hineinschlüpfte […], die Wochenendpartys in den Cotswolds, wo Politiker, Fernsehprominente und führende Vertreter des Murdoch-Konzerns miteinander verkehrten, und darüber hinaus die Kameraderie mit der Polizei.

Thomas, Gina: Die schmutzigen Seiten der sauberen englischen Gesellschaft. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. 7. 2014, S. 12.

Gegen die Macht der Medien, des Staatsapparats und der Orthodoxen Kirche hatte der geradlinige Physik-Lehrer störrisch und gelegentlich etwas ungelenk seine Vision eines normalen Rumäniens ohne Clanwirtschaft und mit einer unabhängigen Justiz gestellt.

Roser, Thomas: Ein störrischer Bürgermeister wird Präsident. In: Die Zeit, 17. 11. 2014, Nr. 47. (zeit.de)

Papst Franziskus las Kubas politischer Elite die Leviten: Er verurteilte Cliquenwirtschaft und elitäres Verhalten. Mancher missbrauche seinen Dienst für die Gesellschaft, um im Namen des Allgemeinwohls die eigenen Leute zu begünstigen, sagte Franziskus. Dienst dürfe „nicht mit Selbstbedienung verwechselt werden“.

N. N.: Papst liest Kommunisten in Kuba die Leviten. In: Bild (online), 20. 9. 2015. (bild.de)

Sie musste leidvoll erfahren, wie es ist, wenn Menschen, nur aufgrund von Freunderlwirtschaft und Kumpanei, ohne fachliche und soziale Kompetenz, in Führungspositionen mit Personalverantwortung kommen.

N. N.: Ein packender Roman über die „Freunderlwirtschaft“. In: Mittelbayerische, 8. 9. 2017. (DWDS)

[…]Die Orban-Sippe taucht in einem Bericht des „Forbes“-Magazins der einflussreichsten Ungarn mit einem Gesamtvermögen von 23 Millionen Euro auf. Ein Schulkamerad wurde zum 80-fachen Millionär, auch dank staatlichen Bauaufträgen. Er wusste, wem er dafür zu danken hat: „Der liebe Herrgott, Glück und Viktor Orban spielten alle eine Rolle, dass ich so weit gekommen bin.“ Über solche Cliquenwirtschaft sichert der Regierungschef seine politische Macht ab. Besonders pikant: Der Zustrom von EU-Geld, das pro Jahr bis zu fünf Prozent des Bruttosozialprodukts Ungarns ausmacht, hilft Orban, die mafiösen Strukturen aufzubauen und zu verankern.

Bierling, Stephan: Wie Demokratien zu Mafia-Staaten werden. In: Neue Zürcher Zeitung (online), 14. 5. 2018. (nzz.ch)