Vorschauansicht

Wortgeschichte zu

Sippe

Politik & Gesellschaft

Kurz gefasst

Das schon im Althochdeutschen belegte Wort Sippe wird im 16. Jahrhundert ungebräuchlich und durch Sippschaft und das neu aufgekommene Wort FamilieWGd ersetzt. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts wird Sippe wiederbelebt und im allgemeinen Sprachgebrauch vielfach abwertend, auch spöttisch genutzt. Im Nationalsozialismus wird Sippe ideologisch aufgewertet, gegenwartssprachlich wird das Wort hauptsächlich mit negativem Unterton verwendet.

Navigation

Wortgeschichte

Sippe in den älteren Sprachstufen

Das Wort Sippe, althochdeutsch sibb(i)a, mittelhochdeutsch, sippe ist seit dem 8. Jahrhundert belegt und bedeutet (Bluts)verwandtschaft (1DWB 16, 1225, Lexer 2, 938). Daneben gibt es ein gleichlautendes Maskulinum Sippe, althochdeutsch sibbo, mit der Bedeutung der Verwandte sowie das Femininum sibba, die Verwandte, die vereinzelt noch im 19. Jahrhundert vorkommen (vgl. dazu Lexer 2, 939 und 1DWB 16, 1225).

Die Bedeutung des althochdeutschen sibb(i)a (Bluts)verwandtschaft fußt auf einer für das Germanische zu rekonstruierenden Verwendung durch ein Bündnis begründete Verwandtschaft1), die durch den verwandtschaftlichen Bezug Zugehörigkeit durch Abstammung erweitert wurde (SippeDWDS, 6Duden Herkunft, 784, s. auch 1DWB 16, 1223). Im Mittel- und Neuhochdeutschen setzt sich die Bedeutung Blutsverwandtschaft fort, im 16. Jahrhundert wird das Wort zunächst ungebräuchlich (1DWB 16, 1223). So findet man im 17. Jahrhundert neben vereinzelten Textbelegen (1614, 1693) schließlich nur noch Wörterbucheinträge (1663, 1691, hier Verwandtschaftsgrad; vgl. dazu die Beleglücke im 17. Jahrhundert im DRW 8, 624). Später wird Sippe in Wörterbüchern als veraltet markiert (Steinbach, 593) oder unter dem Stichwort Sippschaft mitbehandelt (1801), das bereits im 16. Jahrhundert häufiger anstelle des Wortes Sippe genutzt wird. Auch das neu aufgekommene Wort FamilieWGd dient offenbar als Ersatz.

Sippe kommt wieder in Mode

Wenn auch von einer Wiederbelebung des Wortes Sippe bereits im 18. Jahrhundert zu lesen ist (25Kluge, 851), sind Belege in dieser Zeit zunächst noch selten und vorerst nur in rechtssprachlichen Texten zu finden: Sippe und Sippſchafft ſind Juriſten-Termini und heiſſen so viel, als die Seiten-Verwandtſchafft (1747; vgl. daneben 1759, 1783). Im 19. Jahrhundert aber wird das Wort Sippe wieder gebräuchlicher. In den Naturwissenschaften wird es verwendet, um unterarten von thier- oder pflanzenfamilien zu benennen (s. 1DWB 16, 1223), so beispielsweise bei Johann Wolfgang von Goethe im Jahr 1819. Später knüpft der Sprachwissenschaftler August Schleicher an die Naturwissenschaften an und führt Sippe so auch seiner eigenen Disziplin zu:

Nehmen wir nun das Darwinsche Buch zur Hand und sehen wir zu, was sich von Seiten der Sprachwissenschaft den von Darwin vertretenen Anschauungen analoges zur Seite stellen lässt.
Vor Allem sei jedoch daran erinnert, dass die Verhältnisse der Specificierung im Gebiete der Sprachen zwar im Wesentlichen dieselben sind als im Reiche der Naturwesen überhaupt, dass aber die Ausdrücke zur Bezeichnung dieser Verhältnisse, deren sich die Sprachforscher bedienen, von denen der Naturforscher abweichen. Diess bitte ich stäts vor Augen zu behalten, da auf dieser Erkenntniss alles Folgende beruht. Was die Naturforscher als Gattung bezeichnen würden, heisst bei den Glottikern Sprachstamm, auch Sprachsippe; näher verwandte Gattungen bezeichnen sie wohl auch als Sprachfamilien einer Sippe oder eines Sprachstammes. [Schleicher 1863, 12]

Während Schleicher Sippe als Synonym zu (Sprach-)Stamm verwendet, also eine Familie verwandter Sprachen darunter fasst, bezeichnet das Wort in den Sprachwissenschaften Anfang des 20. Jahrhunderts auch eine Familie bedeutungsverwandter Wörter (1910, 1927).

Zeitgleich tragen Schriftsteller und Journalisten zur weiteren Verbreitung des Wortes Sippe bei. Analog zu dem modernen Wort Familie (s. o.) gebrauchen sie es in der Bedeutung Großfamilie, Familie oder auch familienartige (größere) Gruppe von Personen, häufig mit abwertendem, gelegentlich auch spöttischem Unterton (1832, 1848, 1882, 1885a, 1885b, 1895, 1897).

Es bleibt ein negativer Beigeschmack

Die negativ konnotierte Verwendung von Sippe findet im 20. Jahrhundert ihre Fortsetzung und entwickelt sich zum Hauptgebrauch. Das Wort wird dabei nicht immer auf die Familie und die Verwandtschaft bezogen (1934b, 1956, 1993, 2004), vielmehr können – wie schon zuvor – auch nicht verwandte Personen dazugehören (1987, 1999, 2013). In der Bedeutung familienartige (größere) Gruppe von Personen stellt sich Sippe in der jüngeren Zeit damit neben GroßfamilieWGd und ClanWGd. Deutlich seltener findet man Sippe in der neutralen Variante als Entsprechung zu Familie, Großfamilie oder Verwandtschaft (1959, 1984, 1998).

Sprachgebrauch im Nationalsozialismus

Das seit dem 19. Jahrhundert vielfach abwertend und gelegentlich auch spöttisch verwendete Wort Sippe wird in der Zeit des Nationalsozialismus politisch aufgewertet. Die Nat[ional]soz[ialisten] suchten S[ippe] in den tägl[ichen] und offiz[iellen] Sprachgebrauch anstelle von Familie einzuführen (Zentner/Bedürftig 1985, 540). Der Literaturwissenschaftler Viktor Klemperer vermerkt zur Bedeutungsentwicklung in seinem Tagebuch im Jahr 1940: Kurve eines Wortes. Sippe im Mittelalter normal gebräuchlich für Familie. In der Neuzeit pejorativ. Jetzt mit affektischer Gloriole. Weihnachten das Fest der Sippe (1940, zit. n. Schmitz-Berning 2000, 576). Bezugnehmend auf die germanische Frühgeschichte des Wortes (z. B. 1939, vgl. dazu Salzig 2015, 59–76) bezeichnet Sippe im Sprachgebrauch der Nationalsozialisten meist einen weitreichenden Verwandtschaftsverband, die Blutsverwandtschaft (1930, 1934a, 1936, 1941, 1942a).

Zahlreiche neue und auch wiederbelebte alte Wortbildungen mit Sippe tragen zur Verbreitung des Wortes bei. Zu Sippe entstanden im NS-Sprachgebrauch zahlreiche Weiterbildungen, die zum Teil dem Muster der Weiterbildungen von Rasse entsprechen (Schmitz-Berning 2000, 576). Bezeichnungen wie Sippenamt (1938), Sippenstelle (1942b), Reichssippenamt (1997a) oder Amt für Sippenforschung (1997b) belegen, dass Sippe zu einem zentralen Begriff des NS-Jargons geworden ist.

Mehr erfahren

Aus Rasseforschung wird Sippenforschung

Die Reichsstelle für Sippenforschung, die anfangs für die Prüfung und Begutachtung von Abstammungsnachweisen eingerichtet wurde, geht aus der Dienststelle für Rasseforschung hervor. Die Umbenennung von Dienststelle in Reichsstelle erfolgt im Jahr 1935, gleichzeitig wird das Bestimmungswort Rasse durch Sippe ersetzt. Ursprung dieser Dienststelle ist die Deutsche Auskunftei, die Achim Gercke, ein für die NSDAP tätiger Naturwissenschaftler, seit ca. 1925 aufgebaut hatte (vgl. dazu ausführlicher Salzig 2015, 66–70). Sie wird zunächst als Archiv für berufsständische Rassenstatistik weitergeführt, im Jahr 1934 dann aber in das neu gegründete Amt für Sippenforschung überführt. Wird dem Wort Sippe in dieser Bezeichnung gegenüber Rasse bereits der Vorzug gegeben, gleicht sich die zugehörige Dienststelle bzw. Reichsstelle im darauffolgenden Jahr an.2)

Ulrike Stöwer

Anmerkungen

1) Zur Bedeutung des Wortes Sippe (als Rechtsbegriff) im Germanischen s. zusammenfassend Schulze 2000, 34–39.

2) Vgl. weiterführend dazu EHRI, Reichssippenamt.

Literatur

DRW Deutsches Rechtswörterbuch. Wörterbuch der älteren deutschen Rechtssprache. Bis Bd. 3 hrsg. von der Preußischen Akad. der Wiss., Bd. 4 hrsg. von der Deutschen Akademie der Wissenschaften (Berlin, Ost), ab Bd. 5 hrsg. von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften (bis Bd. 8 in Verbindung mit der Akademie der Wissenschaften der DDR). Bd. 1 ff. Weimar 1912 ff. (adw.uni-heidelberg.de)

6Duden Herkunft Duden – das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. 6., vollständig überarb. und erw. Aufl. Berlin 2020.

1DWB Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Bd. 1–16. Leipzig 1854–1961. Quellenverzeichnis Leipzig 1971. (woerterbuchnetz.de)

EHRI European Holocaust Research Infrastructure (EHRI). 2011 ff. (ehri-project.eu)

25Kluge Kluge – Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearb. von Elmar Seebold. 25., durchgesehene und erweiterte Aufl. Berlin/Boston 2011.

Lexer Lexer, Matthias: Mittelhochdeutsches Handwörterbuch. Zugleich als Supplement und alphabethischer Index zum Mittelhochdeutschen Wörterbuch von Benecke-Müller-Zarncke. Bd. 1–3. Leipzig 1872–1878. (woerterbuchnetz.de)

Salzig 2015 Salzig, Johannes: Die Sippenhaft als Repressionsmaßnahme des nationalsozialistischen Regimes. Ideologische Grundlagen – Umsetzung – Wirkung. Dissertation Philipps-Universität Marburg 2014/2015. Augsburg 2015.

Schleicher 1863 Schleicher, August: Die Darwinsche Theorie und die Sprachwissenschaft. Offenes Sendschreiben an Herrn Dr. Ernst Häckel, a. o. Professor der Zoologie und Director des Zoologischen Museums an der Universität Jena. Weimar 1863.

Schmitz-Berning 2000 Schmitz-Berning, Cornelia: Vokabular des Nationalsozialismus. Berlin/New York 2000 [Nachdruck der Ausg. Berlin/New York 1998].

Schulze 2000 Schulze, Hans K.: Familie, Sippe und Geschlecht, Haus und Hof, Dorf und Mark, Burg, Pfalz und Königshof, Stadt. 3., verb. Aufl. Stuttgart u. a. 2000.

Steinbach Steinbach, Christoph Ernst: Christoph Ernst Steinbachs Vollständiges deutsches Wörterbuch Vel Lexicon Germanico-Latinum / Cvm Praefationibus Et Autoris Et Iohannis Ulrici König S. R. M. Polon. Et Elect. Sax. Consiliarii Aulici. Breßlau 1734. (nbn-resolving.de)

Zentner/Bedürftig 1985 Zentner, Christian/Bedürftig, Friedemann (Hrsg.): Das große Lexikon des Dritten Reiches. München 1985.

Belegauswahl

Die Freunde / ſo den nechſten Gradum oder Sippe des verſtorbenen erreichet / haben den beſten Anfall oder Erbrecht zu ſeiner verlaſſenſchafft / denn wer der Nechſte iſt in der Sipzahl / hat auch das beſte Recht zum Anfall / So aber ihrer mehr denn einer im nechſten Gradu verhanden / ſollen ſie alle gleiches Antheils gewertig ſeyn.

Kold’ina, P.K./Herman, J./Grosse, H.: Das Bohmische StadtRecht Wie dasselbe in drey Prager, auch anderen Städten des Königreichs Böhaimb, täglich observiret vnd löblich gehalten wird. […] Leipzig 1614, F 14. (books.google.de)

Sipp conſanguinitas. beſipt ſein cognatum esse. ſippſchaft [Blutsverwandtschaft (= consanguinitas)]

Schottel, Justus Georg: Ausführliche Arbeit Von der Teutschen HaubtSprache. […] Abgetheilet In Fünf Bücher. Braunschweig 1663, S. 1416. (hab.de)

Sippe/ die/ gradus cognationis. […] Der naͤchſte in der Sippe / proximior in gradu.

Stieler, Kaspar von: Der teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs oder teutscher Sprachschatz. […] Nürnberg 1691. Sp. 1783. (digitale-sammlungen.de)

Cap. IV. handelt er vom Zipperlein/welches er deriviret von sypen / d. i. troͤpffeln / fliessen / aus welcher radice auch Sip=schafft und Sibbe von nahen Anverwandten gebraucht wird.

Tentzel, Wilhelm Ernst (Hrsg.): Monatliche Unterredungen Einiger Guten Freunde Von Allerhand Büchern und andern annemlichen Geschichten. […] Leipzig 1693, S. 704. (books.google.de)

Sippe und Sippſchafft

ſind Juriſten-Termini und heiſſen so viel, als die Seiten-Verwandtſchafft. Nach Recht der Sipp-Zahl succediren wird in Lehn-Briefen gebraucht, und heiſt ſo viel, daß die Seiten-Verwandten secundum Praerogativam Gradus und zwar jure repraesentationis (auch in Sachſen) folgen ſollen. vid. Carpz. Decisiones.

Glaffey, Adam Friedrich: Anleitung zu einer weltüblichen Teutschen Schreibart. […] 3. u. vermehrte Aufl. Leipzig 1747, S. 165. (books.google.de)

Als ferr du dein ſelbs Sippe meiden ſolt, zu der vierdten Sippe, als ferr du ſolt auch meiden zu der Ehe, alle die Menschen, die dem geſippet ſint, bey dem du nun einmahl gelegen biſt, zu der Ehe oder zu der Unehe, und das heiſſet schwaͤgerlich Sippe.

Eisenhart, Johann Friedrich: Grundsätze der deutschen Rechte in Sprüchwörtern: mit Anmerkungen erläutert / von Johann Friedrich Eisenhart. [1.] Aufl. Helmstädt 1759. S. 164. (hab.de)

[…]Ob es gleich einigermaſſen zweifelhaft ſeyn koͤnnte, welche Perſonen der Kaiſer eigentlich unter den nahen geſipten Freunden verstehe, ſo zeigen gleichwohl bewaͤhrte Rechtslehrer, daß zwar die Worte Sippe, Sipſchaft, gewoͤhnlich ſowohl auf Blutsfreunde, als ſchwiegerliche Anverwandte eine Beziehung haben, daß aber die peinliche Gerichtsordnung an der angefuͤhrten Stelle eigentlich nur von ſolchen Blutsfreunden und ſchwiegerlichen Anverwandten zu verſtehen ſey, die ſich nach goͤttlichen Geſetzen nicht heirathen duͤrfen.

Quistorp, Johann Christian von: Johann Christian Quistorps Grundsätze des deutschen peinlichen Rechts: zwey Theile. 3. verm. und verb. Aufl. Rostock/Leipzig1783, S. 544 (adw.uni-heidelberg.de)

Die Sippschaftplur. inusit. die Verwandtschaft, sowohl als ein Abstractum, als auch als ein Concretum, im collectiven Verstande, verwandte Personen. […]Alle Dörfer, das ist ihre Wohnung, und ihre Sipschaft unter ihnen, 1 Chron. 4, 33; d. i. ihre Verwandten. Es ist im Hochdeutschen veraltet, und zwar mit seinem ganzen Geschlechte, welches nur noch in den ältern Schriften der Ober- und Niederdeutschen vorkommt. Dahin gehören: die Sippe, die Verwandtschaft, bey den Schwäbischen Dichtern Sibbii, Sibche, Angels. Syb, Sybbe, Schwed, Sifia; der Sipp oder Sipper, der Verwandte, die Sippe, die Verwandte, bey dem Ottfried Sibbo, Schwed. Sif; sippen, verwandt seyn; […]besippt seyn, gesippt seyn, verwandt seyn; das Gesippe, mehrere verwandte Personen; hersippen, herstammen; die Sippzahl, der Grad der Verwandtschaft, das Glied; das Sipptheil, der Theil einer Erbschaft, welcher jemanden als einem Verwandten gebühret, und andere mehr.

Adelung, Johann Christoph: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart. Mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der Oberdeutschen, 2. verm. u. verb. Ausg. 2. Nachdr. d. Ausg. Leipzig 1793–1801. Hildesheim u. a. 1990, Bd. 4, Sp. 110. (woerterbuchnetz.de)

Er [der Naturforscher Nees von Esenbeck] feiere mit uns den Triumph der physiologen Metamorphose, er zeige sie da, wo das Ganze sich in Familien, Familien sich in Geschlechter, Geschlechter in Sippen, und diese wieder in andere Mannichfaltigkeiten bis zur Individualität scheiden, sondern und umbilden. […]Ganz in’s Unendliche geht dieses Geschäft der Natur; sie kann nicht ruhen noch beharren, aber auch nicht alles, was sie hervorbrachte, bewahren und erhalten.

Goethe, Johann Wolfgang von: Goethe’s sämmtliche Werke. Vollständige Ausgabe in sechs Bänden. Bd. 6. Stuttgart 1863, S. 39. (hathitrust.org)

Hoͤrſt du die Wildgans in den Luͤften ſchnattern? Das kuͤndet Froſt, mein Freund, und truͤbe Zeit! — Schon wieder gaukelt da die boͤſe Sippe Von Nachtgeſtalten der Vergangenheit; […] Nun mag ich flieh’n durch Graͤſer und Geſtruͤppe, Sie folgt mir ſtets, ſie ſpottet ſtets mir nach: „Du Thor, mit deinem fabelhaften Sehnen! „Haſt du’s noch nicht erſaͤuft in deinen Thraͤnen?“ Und alle meine Wunden werden wach. Wie Buben einen Narren durch die Straßen Nicht ungeneckt hingeh’n und traͤumen laſſen, So folgt es hoͤhnend mir durch dieſe Heide, Und laͤßt nicht raſten mich von meinem Leide.

Lenau, Nikolaus: Gedichte. Stuttgart/Tübingen 1832, S. 196. (deutschestextarchiv.de)

[…]Ich habe Ihnen heute zu berichten, zu welchem Resultate vorläufig der Appell an den Geldsack geführt hat, welchen unsre Arbeiter auf die Antwort des Stadtraths, daß ihm die finanzillen Mittel fehlen, sie weiter zu beschäftigen, eingelegt haben. […]

Wie eine erschreckte Hürde Lämmer steckten sie [Bourgeoisie] ihre Köpfe zusammen; der Gemeinderath berieth, der Regierungspräsident berieth, was nur je Altenstaub [Aktenstaub?] in seinem Leben gekostet hatte berieth, wie diese unverschämte Demaskirung ihrer und ihrer Sippe Mägen, auf welche die Arbeiter so naiv losgingen, zu verhindern sei.

N. N.: Neue Rheinische Zeitung. Organ der Demokratie. Nr. 118, Montag, 16. Oktober 1848. Köln 1848, S. 591. (deutschestextarchiv.de)

Das Schwert des Gottes ſchüttert leis. Da ſpringt hervor mit Erzeslaut Ein Hinterhalt, ein Mörderkreis, Die Sippe der verrathnen Braut.

[…] „Verdammter, ſtirb!“ — „Geliebte, flieh!“ Wild ringend ſtürzt er umgebracht, An ſeinen Buſen gleitet ſie Und ſinkt mit ihm in Eine Nacht.

Meyer, Conrad Ferdinand: Gedichte. Leipzig 1882, S. 246. (deutschestextarchiv.de)

Er gedachte plötzlich einer Base seines todten Weibes, die einst in ihrer Jugend am Thüringer Hofe auf kurz Zeit zu den gelehrten Frauen gezählt worden sei; […]denn sie verstand zu lesen und zu schreiben, hatte sogar den Virgilium studirt; auch Paramentenstickerei und derlei Künste hatte sie verstanden. Sie war nun alt und lebte in einer kleinen Stadt von einem Rentlein, welches ihr die Sippe gab.

Storm, Theodor: John Riew’, Ein Fest auf Haderslevhuus. Zwei Novellen. Berlin 1885, S. 131. (deutschestextarchiv.de)

Unter den deutſchen Höfen war nur einer, der den preußiſch-heſſiſchen Verein mit Freude begrüßte: der badiſche Hof. […]Allein durch Preußens Beiſtand konnte Großherzog Ludwig hoffen, ſeine Pfalz gegen Baiern zu behaupten; daher ſchrieb er an Blittersdorff: „ich freue mich, einen Einfluß vermehrt zu ſehen, dem ich, beſonders im gegenwärtigen Augenblicke, ſo viel verdanke.“ Zugleich hoffte man in Karlsruhe, die Abſichten der badiſchen Handelspolitik nunmehr in Süddeutſchland durchzuſetzen, denn ſeit Darmſtadt zu Preußen übergetreten, bildete Baden allein die für Baiern unentbehrliche Verbindung zwiſchen Franken und der Pfalz. […]

Am Lauteſten lärmte Marſchall über dieſen „Unterwerfungsvertrag“, den er ebenſo wenig geleſen hatte wie die Anderen aus der öſterreichiſchen Sippe.

Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert. Dritter Theil: Bis zur Juli-Revolution. Leipzig 1885, S. 639. (deutschestextarchiv.de)

Ein Bettler war er. Aber in’s Armenhaus ſollten ſie ihn doch nicht bekommen. […]Die Freude wollte er ihnen nicht machen, den ehemaligen Büttnerbauer im Armenhauſe zu ſehen. Nun würde er ’s ihnen gerade mal zeigen, daß er ſeinen Kopf für ſich hatte. Mit guten Lehren und Ratſchlägen waren ſie immer ſchnell bei der Hand geweſen, aber ihn zu retten, hatte keiner den Finger gerührt. Er verachtete ſie alle, die ganze Sippe!

Polenz, Wilhelm von: Der Büttnerbauer. Berlin 1895, S. 424. (deutschestextarchiv.de)

[…]Wippert hatte vornehmlich ſatiriſche Pläne. „Juvenalia“ ſollte ſein erſtes Werk heißen mit dem Untertitel: Ein Hechelepos in ſieben Zinken. Jede Zinke ſollte „einen Hauptſtand der gegenwärtigen Ordnung zerſtrählen“. Die erſte Zinke, in gereimten Hexametern, behandelte die Sippe der Gymnaſiallehrer und begann ſo:

Strähle mir, Zinke, den Mann, der ſchwitzend auf dem Katheder Mit höchſteigener Hand verteilt ſein eigenes Leder!

Bierbaum, Otto Julius: Stilpe. Ein Roman aus der Froschperspektive. Berlin 1897, S. 187. (deutschestextarchiv.de)

Eine rühmliche und schöne Ausnahmestellung unter den Sportausdrücken nimmt allerdings das Wort „radeln“ mit seiner Sippe ein […]; hier sind die Bizykle, Trizykle und das zungenbrecherische „Veloziped“ vor der sieghaften Einfachheit des deutschen Wortes „Rad“ gewichen – vor allem auch deswegen, weil es so gut ableitungsfähig ist – aber Velodrom, Training, Start, Rekord und manches andere ist leider geblieben.

Kippenberg, August: Deutsches Lesebuch für höhere Mädchenschulen. Prosa-Band. Hannover 1910, S. 108. (gei.de)

Wir haben Spranger nicht widersprochen, wo er die Psychologie als die Lehre vom sinnerfüllten Leben bezeichnete; nur ist Sorge dafür zu tragen, […]daß sich unsere Wissenschaft von den anderen, die es auch mit dem „Leben“ und gewiß nicht nur mit seinen sinnleeren oder sinnwidrigen Phasen, Momenten, Erscheinungsformen zu tun haben, mit wünschenswerter Schärfe abhebt, und daß der Sinnbegriff selbst samt der ganzen Sippe von Begriffen, die mit ihm verwandt sind, die höchst erreichbare logische Klärung erfährt.

Bühler, Karl: Die Krise der Psychologie, Jena 1929 [zuerst 1927], S. 68. [DWDS]

Denn ungefähr bis in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges zurück besitzen wir Personalurkunden in Form der Kirchenbücher, Einwohnerlisten, Zehntregister, Bürgerverzeichnisse usw., welche uns gestatten, […]den Gesamtstand einer Bevölkerung genau festzustellen und die einzelnen Familien und Sippen unter Umständen sogar durch die Generationen hindurch zu verfolgen.

Scheidt, Walter: Kulturbiologie. Jena 1930, S. 110. [DWDS]

Die Wahl der Kinder erfolgt unter Durchprüfung der ganzen Sippe; Großeltern, Eltern, Ehegatten und ihre Kinder, sowie Geschwister der Ehegatten und deren Kinder werden in das Gesamterbgutbild einbezogen. […]Das Amt für Rassenpflege, das am 20. April eröffnet werden wird, wird mit Unterstützung der Kreisärzte, der von Frau Conti geführten Berliner Hebammen und vor allen Dingen des gesunden Volkes selbst arbeiten; denn die Geburtenkurve Berlins zeigt, daß der Wille zur Fortpflanzung und Rasseerhaltung verankert ist.

Völkischer Beobachter (Berliner Ausgabe), 3. 3. 1934, S. 1. [DWDS]

Mrs. von Zwinger, die Enkelin eines illustren deutschen Gelehrten, aber von einer steinreichen englischen Großmutter erzogen, hatte den englischen Lebensstil, das Englisch als Umgangssprache und den Five o’ clock tea ihrer stockdeutschen Sippe zugeführt.

Kolb, Annette: Die Schaukel, Frankfurt a. M. 1960 [zuerst 1934], S. 9. [DWDS]

In höchst anschaulicher Weise berichtet im „Völkischen Beobachter“ ein Anklamer Rektor über die Aufnahme sippenkundlicher Forschungen in der von ihm geleiteten Schule. […]

Auf der „Schnitzeljagd“ nach ihren Vorfahren anläßlich der Aufstellung der Ahnentafel endeckten Schüler ihre Ahnengemeinschaft. […] Alle erkennen: wir entstammen großen Sippen, deren Angehörige Teile des Blutes gemeinsam haben.

N.S. Erzieher. Gaublatt des N.S. Lehrerbundes, Gau Hessen-Nassau: N.S. Erzieher. Bd. 4. 1936, S. 563. (books.google.de)

Nach dem Vorbild des Krupp-Archivs sollen alle Firmen mithelfen, die Arbeiter für die Sippenforschung zu gewinnen. Diesem Ziel dient besonders die Arbeit des Sippenamtes der NSDAP.

N. N.: Chronik deutscher Zeitgeschichte – 1938. In: o. A.: 1938. In: Overresch, Manfred u. Saal, Friedrich Wilhelm (Hgg.) Deutsche Geschichte von Tag zu Tag 1918–1949, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1982], S. 8319. [DWDS]

Das Recht des indogermanischen Urvolkes

Die Sippe: Wie so im Erbgang das Gut, falls Kinder fehlten, auf die Parentelgruppe des Großvaters bzw. Urgroßvaters zurückfiel, so fühlten sich auch die von einem Stammvater Abstammenden als blutsverbunden. Man nannte diese Gemeinschaft Geschlecht (germanisch „Sippe“).

Leers, Johann von: Deutsche Rechtsgeschichte und deutsches Rechtsdenken. Berlin u. a. 1939, S. 15. (books.google.de)

Über Sippe im allgemeinen Sprachgebrauch notiert V. Klemperer am 26. 12. 1940 in sein Tagebuch: „Kurve eines Wortes. Sippe im Mittelalter normal gebräuchlich für Familie. In der Neuzeit pejorativ. Jetzt mit affektischer Gloriole. ‚Weihnachten das Fest der Sippe.‘“

Schmitz-Berning, Cornelia: Vokabular des Nationalsozialismus. 2. Neuauflage??, Berlin 2007, S. 574-xx, hier S. 576.

Es ist selbstverständlich, […]daß es nach dieser Erkenntnis der Vererbungsmöglichkeiten bestimmter Geisteskrankheiten eine zwingende Notwendigkeit wurde, daß ein Teil der jungen Psychiater sich von dem Krankenbett des Einzelindividuums trennte, um die vermuteten Fäden der Vererbung in den betroffenen Sippen zu verfolgen.

Grobig, Hermann Ernst: Die Psychatrie als Wegbereiterin positiver Rassenhygiene. In: Archiv f. Rassen- u. Gesellschafts- Biologie einschließlich Rassen- u. Gesellschafts- Hygiene, Bd. 35, 1941/42 [1941], S. 210. [DWDS]

Zunächst eröffnet die Gemeinschaftserziehung weit mehr Möglichkeiten für die Beobachtung und Beurteilung der charakterlichen Haltung eines Jungen oder Mädels, als sie bei getrennter Erziehung gegeben wären. […] Im Hinblick auf die große Bedeutung der Gattenwahl für das Leben des einzelnen, der Sippe und damit des Volkes halte ich gerade diesen Gesichtspunkt für besonders wesentlich.

N. N.: Gemeinschaftserziehung auf dem Landdienstlehrhof. In: Das Junge Deutschland 36/3 (1942), S. 68. (books.google.de)

Danziger Sippenſtelle für Umſiedler

N. N.: Volksforschung. Bd. 5, Nr. 1. 1942, S. V. [Beyer, Hans Joachim (Hrsg.)?] (books.google.de)

[…]Schließlich nahm er vier Monate nach dem Ableben seiner Gattin eine ausgereifte Dame namens Hulda ins Haus, auf daß sie ihn gegen ein kleines Entgelt bekoche, beflicke und umwickele. Hei, wie da die Sippe plötzlich vollzählig zur Stelle war und moraltriefend und vor künstlerisch dargebotener Abscheu zitternd aufkreischte!

Berliner Zeitung, 7. 10. 1956. [DWDS]

Sei nicht so ernst; es wird vorübergehen, wir werden wieder Ausflüge machen, nach Kißlingen; Großeltern, Kinder, Enkelkinder, die ganze Sippe, dein Sohn wird mit den Händen Forellen zu fangen versuchen; […].

Böll, Heinrich: Billard um halb zehn, Leipzig 1961 [zuerst 1959], S. 143. [DWDS]

Der Schluß des Romans zeigt Kempowski dann wieder auf der Höhe seiner Kunst. Bruder Robert ist endlich aus der Haft entlassen, bei einem letzten Familienfest kommt noch einmal die ganze Sippe zusammen.

Die Zeit, 9. 11. 1984, Nr. 46. [DWDS] (zeit.de)

[…]Auf Anraten ihrer Anwälte haben die in Preungesheim und Frankenthal einsitzenden Libanesen inzwischen die Konsequenzen aus der entschlossenen Haltung der deutschen Behörden gezogen. Anfang April forderte Mohammed brieflich seine Sippe zum Umdenken auf: „Ich und mein Bruder Abbas sind bei guter Gesundheit und werden auch von den Deutschen gut behandelt. […]

Der Spiegel, 20. 4. 1987, S. 20. [DWDS]

Geistiger Vater des notorischen Nörglers Motzki und seiner nervenden Sippe ist der Berliner Autor Wolfgang Menge, der vor genau 20 Jahren das inzwischen legendäre Ekel Alfred Tetzlaff in die bundesdeutsche Spießer-Welt gesetzt hat.

Berliner Zeitung, 29. 1. 1993. [DWDS]

Die S[ippenforschung] wurde insbesondere betrieben, um den erb- und rassekundlichen Abstammungsnachweis zu erhalten, der von der Reichsstelle für S[ippenforschung] (12. 11. 1940 in »Reichssippenamt« umbenannt) ausgegeben wurde.

Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1997], S. 2568. [DWDS]

Damit befaßt waren neben dem Reichssippenamt und dem Amt für S[ippenforschung] der NSDAP mehrere Institute und einzelne Forscher, die z. B. der Vereinigung der Berufssippenforscher e. V. oder einer Organisation des Volksbundes der dt. sippenkundlichen Vereine angeschlossen waren.

Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Berlin: Directmedia Publ. 2000 [1997], S. 2568. [DWDS]

Dennoch hat jetzt die gescheite Nike Wagner, Urenkelin von Richard, Enkelin von Siegfried, Tochter von Wieland, als vierte der Sippe (oder fünfte, wenn man Franz Beidlers unvollendete Cosima-Biographie mitzählt) ihr Wagner- Buch vorgelegt.

Der Tagesspiegel, 10. 7. 1998. [DWDS]

Wer an der intellektuellen Unschuld eines Verfassungsrichters zweifelt, bekommt es mit dessen Sippe zu tun – mit den Mitgliedern seines Senats.

Die Zeit, 9. 9. 1999, Nr. 37. [DWDS] (zeit.de)

Anwohner beobachteten, wie der Libanese auf dem Pflaster von einem Notarzt versorgt wird. Er stirbt im Krankenhaus. […]Die beiden anderen Verletzten, ein 20-jähriger und ein 30-jähriger Mann, wurden später von Angehörigen ins Urbankrankenhaus gefahren. „Die kamen mit einer ganzen Sippe in die Klinik“, hieß es bei der Kripo.

Der Tagesspiegel, 20. 9. 2004. [DWDS] (tagesspiegel.de)

Darauf bei einem Glas Wein angesprochen, lacht ein Bischof laut auf. Eine furchtbare Vorstellung sei das, sagt er, der Klerus als Sippe. Nein, so stark sei der Zusammenhalt nicht.

Die Zeit, 17. 10. 2013, Nr. 43. [DWDS] (zeit.de)