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Wortgeschichte zu

Otto Normalverbraucher

Normalverbraucher · Normalo

Themenfeld Politik & Gesellschaft

Kurz gefasst

Otto Normalverbraucher geht auf die so bezeichnete Hauptfigur des Spielfilms Berliner Ballade (1948) zurück, in dem die Nöte eines typischen Kriegsheimkehrers geschildert werden. Der fiktive Nachname Normalverbraucher der Filmfigur ist ursprünglich eine seit 1939 bezeugte Bezeichnung für den Bezieher einer durchschnittlichen Lebensmittel- bzw. Güterration in der Mangelwirtschaft der Kriegs- und Nachkriegszeit. Otto Normalverbraucher für Durchschnittsbürger findet nach 1950 vor allem in Zeitungstexten weite Verbreitung. Seit den 1990er bzw. 2000er Jahren treten Normalo sowie Max Mustermann als Entsprechungen hinzu.

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Wortgeschichte #

Der Normalverbraucher in der Kriegs- und Nachkriegswirtschaft #

Das Wort Normalverbraucher kommt im Kontext der Kriegswirtschaft auf (1939, 1940). Es bezeichnet den Empfänger einer durchschnittlichen Lebensmittelration ohne die Zulagen, die nur einem eingeschränkten Kreis, etwa Schwerarbeitern der Rüstungsproduktion, zustanden. In der Mangelwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg wird das Wort weiter in dieser Bedeutung verwendet – Normalverbraucher sind auch in dieser Zeit alle, die über Bezugsmarken die durchschnittliche Zuteilungsmenge von Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs erhalten (s. dazu unter vielen vergleichbaren Belegen 1945, 1946).

Anzumerken ist in diesem Zusammenhang, dass das seit dem späten 18. Jahrhundert überlieferte Grundwort Verbraucher eine umfassendere Bedeutung hat, da es sich nicht allein auf lebensnotwendige Waren, sondern auf den Konsum aller möglichen Güter bezieht, was prinzipiell z. B. auch Luxusgüter einschließen kann (vgl. die Bedeutungsangabe zu VerbraucherDWDS). In Normalverbraucher tritt somit insofern eine verengte Bedeutung des Wortes Verbraucher in Erscheinung, als sich Verbraucher hier vorwiegend auf lebensnotwendige Waren bezieht.

Ein Film als wortgeschichtliches Schlüsselereignis: Robert Stemmles Berliner Ballade (1948) #

Ein nicht zu unterschätzender Faktor für den weiteren Wortgebrauch ist aber wohl vor allem in einem Medienereignis zu sehen, nämlich in Robert A. Stemmles Film Berliner Ballade (1948), einem sogenannten Trümmerfilm mit satirischem Einschlag. Die Hauptfigur ist ein Kriegsheimkehrer namens Otto Normalverbraucher (gespielt von Gerd Fröbe), der in der neuen Normalität der unmittelbaren Nachkriegsjahre Fuß zu fassen sucht (vgl. dazu auch das Standbild in der Abbildung). Der Protagonist des Films wird dort explizit als typischer Repräsentant seiner Zeit dargestellt (so durch Erzählerkommentare wie: Die Mehrzahl der Berliner waren damals sogenannte Normalverbraucher [00:02:47], Otto Normalverbraucher tat, was viele damals taten [00:11:59]). Indem das Wort Normalverbraucher in Verbindung mit dem geläufigen Vornamen Otto als Familienname verwendet wird, kann dieser metonymische Funktion einnehmen – ein durchschnittlicher Bezieher von Lebensmittelkarten mit dem fiktiven Namen Otto Normalverbraucher steht ein für den Durchschnittsbürger seiner Zeit.1) Diese Metonymie setzt gleichzeitig voraus, dass der Bezug von Lebensmittelkarten als ein für die Zeit prägendes Merkmal konzeptualisiert wird – was in dem Film sehr deutlich zum Vorschein kommt.

Die in Berliner Ballade thematisierten Verhältnisse sind allerdings schon rund ein halbes Jahr vor der Filmpremiere am 31. 12. 1948 zumindest ein Stückweit überholt: Mit der im Juni 1948 durchgeführten Währungsreform, der dann folgenden Abschaffung der Güterzuteilung über Karten sowie dem rasch einsetzenden Wirtschaftswunder hat der Ausdruck Otto Normalverbraucher schlagartig seinen lebensweltlichen Bezugsrahmen eingebüßt (vgl. den Beleg 1950, in dem schon rückblickend vom Normalverbraucher der Reichsmarkzeit die Rede ist, sowie 1951a mit dem Synonym Markenkunde). Gleichwohl bleibt das Wort im Gebrauch, nun freilich nicht mehr als Empfänger einer durchschnittlichen Lebensmittel- bzw. Güterration, sondern als Durchschnittsbürger (so etwa schon 1951b – hier in Verbindung mit Lieschen MüllerWGd als weiblichem Pendant – sowie 1952).

Der Durchschnitt als Maßstab und als Gegenstand der Kritik #

Otto Normalverbraucher als tendenziell salopper Ausdruck für Durchschnittsbürger hält sich bis in die Gegenwart und ist offenbar vor allem in Zeitungstexten präsent. Die Bedeutung der Verbindung kann nach zwei Seiten hin moduliert werden: Otto Normalverbraucher wird zum einen als maßstabsetzende gesellschaftliche Instanz inszeniert, auf den die Politik unbedingt zu achten habe und der vor Benachteiligung zu schützen sei (weil er typischerweise immer drauf zahlt bzw. die Zeche zahlen muss, vgl. 1994, 2005). Dieser positiven bzw. neutralen Konzeptualisierung steht eine abwertende Bedeutungsnuancierung gegenüber: Der Otto Normalverbraucher stellt weder gehobene Ansprüche an sich oder seine Umwelt noch verfügt er über besondere Qualitäten, ihm haftet daher etwas Spießbürgerliches an (1982; s. auch SpießbürgerDWDS).

Morphologische Reanalyse: der Durchschnittskonsument #

Das Wort Normalverbraucher kommt auch nach 1948 noch eigenständig vor. Es bedeutet dann zum einen ebenfalls Durchschnittsbürger (z. B. 1974), zum anderen erfährt es dadurch, dass das Zweitglied semantisch an das Simplex Verbraucher angeschlossen wird (s. VerbraucherDWDS), eine Neuinterpretation seiner morphologischen Bestandteile. Es wird dementsprechend meist in ökonomischen Zusammenhängen verwendet und ist dann weniger als Durchschnittsbürger denn als Käufer einer Ware, Verbraucher mit durchschnittlichen Ansprüchen, durchschnittlicher Kaufkraft zu interpretieren (vgl. bereits 1957 und dann 1977).

Max Mustermann und Normalo: neue lexikalische Entsprechungen seit den 1990er Jahren #

Vor allem in der Umgangssprache treten seit den 1990er Jahren neben Otto Normalverbraucher weitere Bezeichnungen für Durchschnittsbürger. Hier wäre Max Mustermann zu nennen, eine Analogiebildung zu dem wohl 1978 als Platzhaltername in behördlichen Dokumenten eingeführten Erika MustermannWGd. Ab den 2000er Jahren wird der Platzhaltername Max Mustermann dann auch übertragen in der Bedeutung Durchschnittsbürger verwendet (vgl. 2006).

Seit Mitte der 1980er Jahren ist umgangssprachlich auch Normalo in Gebrauch, eine wohl ursprünglich jugendsprachliche Bildung mit dem personenbezeichnenden Suffix -o, das sich z. B. auch in Fascho, Realo, Prolo findet (vgl. 1986; zum Wortbildungsmuster Androutsopoulos 1998, 122). Als Bedeutung von Normalo wird im DWDS angegeben: jmd., der in seiner äußeren Erscheinung, seinem Verhalten, seinen Einstellungen o. Ä. den allgemeinen Vorstellungen, Erwartungen entspricht, nicht auffällt, s. DWDS s. v. NormaloDWDS.

Volker Harm

Anmerkungen #

1)Zu Otto als geläufigem Vornamen s. auch 4DUW, 1173.

Literatur #

Androutsopoulos 1998 Androutsopoulos, Jannis K.: Deutsche Jugendsprache. Untersuchungen zu ihren Strukturen und Funktionen. Frankfurt a. M. 1998.

Berliner Ballade Berliner Ballade, Spielfilm. Regie: Robert A. Stemmle, Drehbuch: Günter Neumann. Comedia-Filmgesellschaft mbH, München. Deutschland (West) 1948. (filmportal.de)

4DUW Duden – Deutsches Universalwörterbuch. Hrsg. von der Dudenredaktion. 4., neu bearb. u. erw. Aufl. Mannheim u. a. 2001.

DWDS DWDS. Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute. (dwds.de)

Belegauswahl #

Auf die einzelnen Abschnitte der Reichsbrotkarte können bezogen werden: Nr. 1 Reichsbrotkarte für Normalverbraucher

1. Auf die Abschnitte 1–4 je 1000 g Brot, […].

Amtsblatt des Reichsstatthalters in Danzig-Westpreussen [Zugleich Öffentlicher Anzeiger]. 1939. S. 52. (books.google.de)

Während Zucker, Butter, Speck und Schinken mengenmäßig beschränkt worden sind und nach dem Vorbild deutscher Verteilungsmethoden abgegeben werden, ist die Fleischration an das Geld gebunden, dh. die Wochenration soll ab 11. März für den Normalverbraucher den Wert von 22 Pennies pro Kopf haben.

Hohenstein, Hans: Lebensmittelkarten in England. In: Völkischer Beobachter (Berliner Ausgabe), 3. 3. 1940, S. 4. [DWDS]

Durch die besonders wichtige Kleinstkinderversorgung mit Zucker werden die zur Verfügung stehenden Mengen so stark in Anspruch genommen, daß mit nur wenigen und geringen Zuteilungen an die Normalverbraucher gerechnet werden kann.

N. N.: Bayerns Ernährung. In: Süddeutsche Zeitung, 1995 [zuerst 1945], S. 7. [DWDS]

Da ist die Erhöhung der Rationen, in ihren Anfängen heute schon Tatsache; wichtiger ist, daß für die nächste Zeit, sowohl von britischer wie von Amerikanischer Seite, ein weiterer Aufbau der Rationen, bis zum Stand von 1550 Kalorien täglich für den Normalverbraucher (und für den Schwerarbeiter entsprechend mehr!) fest zugesagt ist.

N. N.: Mut zum Optimismus. In: Die Zeit, 22. 8. 1946, Nr. 27. [DWDS] (zeit.de)

Nun, die „Ehrbarkeit" mancher Handwerker mit einem blütenweißen Strafregister ist ein kompliziertes Kapitel, an das der Normalverbraucher der Reichsmarkzeit zum Teil recht eindringliche Erinnerungen hat.

Frankfurter Allgemeine Zeitung 21. 4. 1950, S. 2.

Die Händlerin richtete ihren strengen entrüsteten Blick auf Frau Behrend, den Blick, mit dem sie schon viele Kunden gebändigt hatte, arme Kunden, Markenkunden, Normalverbraucher.

Koeppen, Wolfgang: Tauben im Gras. In: ders., Drei Romane, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1972 [zuerst 1951], S. 135. [DWDS]

Diese reinigende Zäsur kam aber zur rechten Zeit. Schon vor zwanzig Jahren hatte Dr. Emil Rasch, seinen Weltschlager „Bauhaustapete„ herausgebracht. Aber Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher ließen sich weiterhin den Edelkitsch der „gängigen Sorten“ aufhängen.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. 5. 1951, S. 8.

Flugreisen zu erschwinglichen Preisen – Auch Otto Normalverbraucher kann jetzt fliegen

N. N.: Die neue Touristenklasse. In: Die Zeit, 26. 6. 1952, Nr. 26. [DWDS] (zeit.de)

Für den Normalverbraucher kommt nach alledem hauptsächlich das Normalmodell in Frage, die vier- bis fünfsitzige Limousine.

Dillenburger, Helmut: Das praktische Autobuch, Gütersloh: Bertelsmann 1965 [zuerst 1957], S. 308. [DWDS]

Die Inflation frißt sicherlich größere Löcher in das Portemonnaie des Normalverbrauchers.

N. N.: Die ungeliebten Spots. In: Die Zeit, 15. 12. 1972, Nr. 50. [DWDS] (zeit.de)

Statt Aufwertung Hochzinspolitik, auch diese Zeche zahlt der Normalverbraucher und der „Häuslebauer“.

Der Spiegel, 8. 4. 1974, S. 7; Vorwiegend emotionell. [IDS]

Für den Normalverbraucher bedeutet das ganz einfach: Bier, wenn es beim Transport warm wurde, auf keinen Fall gleich in den Kühlschrank stellen, sondern in einem abgedunkelten Raum (Bier ist nämlich auch lichtempfindlich) langsam abkühlen lassen, außerdem sollten Flaschen oder Fässer mindestens 24 Stunden ruhig stehen, bevor ausgeschenkt wird.

N. N.: Die grosse Welt der Getränke, Hamburg: Tschibo Frisch-Röst-Kaffee Max Herz 1977, S. 263. [DWDS]

Auch will er nicht das werden, was eine Therapie aus ihm zu machen versucht, nämlich ein „Otto Normalverbraucher, der arbeitet, fernsieht, schläft und wieder arbeitet; das ist nicht der Sinn des Lebens“.

N. N.: „Angst vorm Chaos im Kopf“. In: Die Zeit, 28. 5. 1982, Nr. 22. [DWDS] (zeit.de)

[…]Tatsächlich besuchten wohl auch Körperbehinderte schon früher vereinzelt mal die Regelschule. Mehrfach-, Schwer- und geistig Behinderte allerdings kamen an allgemeinbildenden Schulen nicht unter. Auch den Eltern dieser Behindertengruppen liegt nun aber der soziale Kontakt ihrer Kinder mit den „Normalos“ am Herzen

Schubert, Dörte: Ende der Sonder-Schule? In: Die Zeit, 31. 1. 1986, Nr. 6. (zeit.de)

Drauf zahlt immer Otto Normalverbraucher.

Schulte, Ewald B.: Balsam pur. In: Berliner Zeitung, 20. 6. 1994. [DWDS]

Denn die Zeche bezahlt wie immer Otto Normalverbraucher mit längeren Anfahrtswegen, falls er sich überhaupt noch eine Reise leisten kann.

N. N.: Herber Schlag für City West. In: Berliner Zeitung, 23. 5. 2005. [DWDS]

Nennen wir ihn Max Mustermann. Ein deutscher Durchschnittsbürger. […]Er verdient 2210 Euro brutto im Monat. Jahr für Jahr hat die Gewerkschaft für ihn Lohnsteigerungen erkämpft – und doch kann er sich weniger leisten als zu Beginn des Jahrzehnts. Seine Firma überweist ihm gut fünf Prozent mehr als damals, aber die Preise für den privaten Verbrauch sind um rund sieben Prozent gestiegen. Max Mustermanns Gehalt ist weniger wert als damals, er hat Kaufkraft verloren.

Rudzio, Kolja: Darf’s auch mehr sein? In: Die Zeit, 19. 1. 2006, Nr. 4. (zeit.de)