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Wortgeschichte zu

Lieschen Müller

Themenfeld Politik & Gesellschaft

Kurz gefasst

Lieschen Müller ist eine fiktive Namenskombination, die sich aber nicht wie ein Eigenname auf eine individuelle Person bezieht, sondern auf eine bestimmte Art von Mensch. Sie bedeutet durchschnittliche weibliche Person, Durchschnittsbürgerin, wobei oft eine negative Wertung zum Tragen kommt. In einem der ersten Belege dieser Namensverbindung in den 1950er Jahren ist zwar schon vom viel zitierten Lieschen Müller die Rede, die Verbindung lässt sich aber nur schwer weiter zurückverfolgen, so dass Details der Entstehungsgeschichte im Dunkeln bleiben. Ab den 1980er Jahren tritt Erika Mustermann – zunächst ein Platzhaltername im Personalausweis – als weitere Bezeichnung für eine Durchschnittsbürgerin hinzu.

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Wortgeschichte #

Lieschen als Vorname #

Liese bzw. die Koseform Lieschen (zu Elisabeth) war bis weit in die Nachkriegszeit hinein ein weit verbreiteter weiblicher Vorname, mit dem eine eher einfache soziale Herkunft assoziiert ist; dementsprechend galt der Name als wenig extravagant (im Beleg 1950 ist von der Prosa dieses Namens die Rede). Aufgrund seiner weiten Verbreitung kann Liese auch allgemein für weibliche Person stehen, vor allem allerdings in abwertenden Bezeichnungen wie Bummelliese oder dumme Liese (dazu s. 1DWB 12, 1020 s. v. Liese); es wird also appellativisch, d. h. als Gattungsbezeichnung, gebraucht. In der Verbindung mit dem häufigen Nachnamen Müller kann Lieschen dann naheliegenderweise für eine durchschnittliche weibliche Person stehen, wobei die tendenziell negative Konnotation von Liese auch in der Verbindung durchscheint: Lieschen Müller wird nicht selten als ein wenig naiv und eher ungebildet dargestellt (vgl. 1951a, 1951b, 1955c).

Zur Frage des Bezeugungsbeginns #

Dieser appellativische Gebrauch der fiktiven Namenskombination ist seit den 1950er Jahren breit bezeugt, gelegentlich auch in Verbindung mit ihrem männlichen Pendant Otto NormalverbraucherWGd (1951a). In den Belegen ab 1950 wird Lieschen Müller freilich schon mit Attributen wie das berühmte, das viel zitierte versehen (1951b, 1955a). Das ist als Hinweis darauf zu werten, dass die appellativische Verwendung der Namensverbindung älter ist. In der Tat ist mit einem Beleg von (1932), in dem von einer Prinzessin die Rede ist, die sich wie irgend ein Lieschen Müller verhält, eine (bislang isolierte) frühe Bezeugung dieser Verwendung greifbar.

Älteren Datums ist ein Lieschen Müller als Nebenfigur im Roman Der einsame Mann (1925) der seinerzeit viel gelesenen naturalistischen Schriftstellerin Clara Viebig). Die Figur wird in dem Roman zwar als langweilig und anspruchslos geschildert; ob hierin ein möglicher Ursprung dieser Verbindung zu sehen ist oder ob sich hier vielleicht ein schon länger bestehender Sprachgebrauch niederschlägt, lässt sich jedoch nicht mit Sicherheit feststellen.

Lieschen Müller als weiblicher Durchschnitt #

Aufschlussreich ist, in welcher Hinsicht Lieschen Müller seit den 1950er Jahren als typische Repräsentantin des weiblichen Geschlechts bestimmt wird: Sie tritt gelegentlich als Haushälterin oder auch als Aktionärin, vor allem aber als Konsumentin von eher anspruchslosen Produkten der Kulturindustrie – Film, Schlager, Unterhaltungsliteratur – in Erscheinung (1951b, 1955c, 1955b, 1960, 1997). In vielen Belegen ist, wie schon erwähnt, auch eine abwertende Note deutlich erkennbar: Lieschen Müller stellt sich komplexe Zusammenhänge typischerweise sehr einfach vor (1957, 1996). Es ist daher ein gewisser Erklärungsaufwand und eine starke Vereinfachung nötig, damit auch Lieschen Müller [es] versteht (2001, s. auch 1951b).

Volker Harm

Literatur #

1DWB Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Bd. 1–16. Leipzig 1854–1961. Quellenverzeichnis Leipzig 1971. (woerterbuchnetz.de)

NDB Neue Deutsche Biographie. Bd. 1ff. Berlin 1953ff. (deutsche-biographie.de)

Belegauswahl #

Lieschen Müller war neugierig. „Ach so , die da drüben. Na ja , Theater!“ Man merkte ihr die Geringschätzung an.

Hans-Helmut faßte eine Abneigung gegen Lieschen Müller. War sie denn etwas Besseres als dieses junge Wesen da oben [in der Loge], das […], kaum dem Kindesalter entwachsen, seine Glieder verrenken mußte […]und seine schlanken Beine dem Publikum zeigen?

Viebig, Clara: Der einsame Mann: Roman. 1925, S. 136. (books.google.de)

Kurz und gut, ich beschloß die Prinzessin zu entführen. Und siehe da – in dem Punkt war die erlauchte Abessinierin auch nicht anders als irgendein Lieschen Müller. Sie willigte ein – und es ging los.

Witte, Otto: 5 Tage König von Albanien: Der größte Weltabenteurer aller Zeiten. 1932. (books.google.de)

Im dritten Reich gab es eine Mutter, die ihre letzte Verehrung für den größten Staatsmann aller Zeiten dadurch zum Ausdruck brachte, daß sie ihre Tochter Hitlerine nannte. Hitlerine wird heute bereit sein, jede Summe zu zahlen, wenn aus der kämpferischen Hitlerine dadurch ein bescheidenes Lieschen wird. Lieschen dagegen betrachtet es als die Tragik ihres Lebens, daß der Abgrund ihrer Seele und der fremdländische Zauber ihres Gesichtes durch die Prosa dieses Namens zugedeckt wird.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. 1. 1950 (Frankfurt und Umgebung).

Diese reinigende Zäsur kam aber zur rechten Zeit. Schon vor zwanzig Jahren hatte Dr. Emil Rasch, seinen Weltschlager „Bauhaustapete“ herausgebracht. Aber Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher ließen sich weiterhin den Edelkitsch der „gängigen Sorten“ aufhängen.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. 5. 1951, S. 8.

Es ist das alte Rezept: man übertreibt etwas, damit es auch das berühmte Lieschen Müller (jene Erfindung der Produzenten zur Rechtfertigung des Kitsches) versteht und man untertreibt an anderen Stellen, damit die sogenannte Intelligenz das „Künstlerische“ empfindet.

N. N.: Harlan sein „Fall“ und sein Film. In: Die Zeit, 1. 2. 1951, Nr. 05. [DWDS] (zeit.de)

„Sieh’ mal an“, kann das viel zitierte Lieschen Müller sagen, wenn es aus dem Kino kommt, „wenn der Hitler nicht so verrückt gewesen wäre und die 9. Armee frühzeitig an die Ostfront geworfen hätte und in Rechnung gestellt hätte, daß Wenk zum Entsatz nach Berlin zu schwach war … wer weiß, wer weiß…“

N. N.: Der letzte Akt – ein Film. In: Die Zeit, 28. 4. 1955, Nr. 17. [DWDS] (zeit.de)

Aus politischen Gründen wünscht man, daß Lieschen Müller ihren Eimer Kohle nicht teurer als bisher bekommt.

N. N.: Nicht marktkonform. In: Die Zeit, 28. 4. 1955, Nr. 17. [DWDS] (zeit.de)

Lieschen Müller sorgt bekanntlich nicht nur für die Rentabilität der Filmindustrie, die Dame hat auch erheblichen Einfluß auf den Literaturmarkt, sofern man das bedruckte Papier, das zur Befriedigung der anspruchslosen Lesebedürfnisse breiter Kreise der Bevölkerung dient, als Literatur bezeichnen will.

N. N.: Das ostzonale Lieschen Müller. In: Die Zeit, 19. 5. 1955, Nr. 20. [DWDS] (zeit.de)

Mode aber läßt sich nicht so einfach „machen", wie sich dies Lieschen Müller vorstellt, wenn sie die Reportage in der Illustrierten vom Schaffen des verstorbenen Diors liest.

N. N.: Mode: Umsatzmotor und Risikoquelle. In: Die Zeit, 5. 12. 1957, Nr. 49. [DWDS] (zeit.de)

Die Markterforscher legen Lieschen Müller auf die Bügelmusik fest. Sie begehrt angeblich nur Melodien und Texte, die sie beim Wäschebügeln ohne "weiteres mitsummen kann, ohne im Arbeitsrhythmus beirrt zu werden. Lieschen Müller summt mit.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5. 1. 1960, S. 16

So stellt sich Lieschen Müller die Politik vor.

Pragal, Peter: „Es macht mir sehr viel Spaß“. In: Berliner Zeitung, 21. 6. 1996. [DWDS]

Auch Lieschen Müller fiebert gespannt mit, wohin sich ihre Telekom-Aktie entwickelt.

N. N.: „Um Gottes Willen keine Panikverkäufe“. In: Berliner Zeitung, 1. 9. 1997. [DWDS]

Es ging ihm ausschließlich um die dramatischen Konflikte, die die Regie sichtbar machen muss, damit auch Lieschen Müller sie versteht.

Der Tagesspiegel, 29. 5. 2001. [DWDS]