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Wortgeschichte zu

Lebensstil

Lebensformen

Themenfeld Politik & Gesellschaft

Kurz gefasst

Lebensstil tritt mit der entstehenden Soziologie in Erscheinung, zuerst wohl bei Georg Simmel, aber auch etwa bei Max Weber. Der Ausdruck Styl des Lebens begegnet bei Friedrich Schleiermacher zwar bereits 1835, doch scheint es sich hier um eine ad-hoc-Bildung zu handeln. Ab den 1980er Jahren hat Lebensstil als Wort und Konzept in der Soziologie weitere Verbreitung gefunden: Lebensstil wird nun namensgebend für die Lebensstilsoziologie. Von der Soziologie ausgehend wird das Wort Lebensstil bereits in den 1920er Jahren in die Individualpsychologie eingeführt. An der Schnittstelle zwischen Soziologie und Individualpsychologie ist Folkert Wilken zu verorten, der in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts vom Lebensstil der Neuzeit spricht. In Alfred Adlers individualpsychologischem Theoriegebäude wird Lebensstil später zum eingeführten Begriff. Von den Fachsprachen aus wird Lebensstil in den allgemeinen Sprachgebrauch übernommen.

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Wortgeschichte #

Lebensstil als Terminus der soziologischen Fachsprache #

Lebensstil ist von Beginn an ein Terminus der wissenschaftlichen Fachsprache. Zwar spricht Friedrich Schleiermacher bereits 1835 vom Styl des Lebens (1835), es scheint sich hier aber lediglich um eine ad-hoc-Bildung zu handeln. Lebensstil tritt danach zunächst in der entstehenden Soziologie in Erscheinung, zuerst wohl bei Georg Simmel, der Lebensstil bereits 1890 in Über sociale Differenzierung verwendet (1890). Allerdings fällt das Wort insgesamt nur einmal, es handelt sich insofern wohl eher noch um eine Spontanbildung als um einen eingeführten Begriff. Zehn Jahre später hingegen, in Philosophie des Geldes, verwendet Simmel nicht nur Lebensstil mehrfach (Lebensstil wird 13 Mal verwendet, LebensführungWGd fünf Mal, Stil tritt 39 Mal auf), er verfasst darüber hinaus ein ganzes Kapitel, das den Titel Stil des Lebens trägt (Simmel 1900, 480–585). Damit kann Lebensstil als eingeführt in die Fachsprache der noch jungen Soziologie verstanden werden. Simmel gibt Lebensstil zugleich den Vorzug gegenüber Lebensführung (insgesamt fünf Verwendungen in der Philosophie des Geldes), eine Verwendung von LebensweiseWGd, keine Verwendung von LebensartWGd).

Sprachhistorisch wird die Bildung des Wortes Lebensstil im Allgemeinen zunächst über die bereits deutlich frühere Verwendung des Wortes Stil in Bezug auf – wie das Deutsche Wörterbuch bucht – art und form des verkehrs der menschen untereinander. in frühester bezeugung wohl noch von frz. stile, style her (1DWB 18, 2929, online) vorbereitet; diese Verwendung wird bereits für das frühe 18. Jahrhundert gebucht. Es fällt auf, dass Simmel neben Lebensstil gerade auch das allgemeinere Stil verwendet, nicht nur in Bezug auf die Gestaltung des Lebens, sondern auch in seiner älteren, auf den Bereich der bildenden Kunst bezogenen Bedeutung (1900).

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Die Durchsetzung des Stil-Begriffs als eine Kategorie nicht nur der Literatur, sondern auch der bildenden Kunst wird im deutschsprachigen Raum gemeinhin Johann Joachim Winckelmann zugeschrieben (vgl. hierzu im Detail den Eintrag Stil in den Ästhetischen Grundbegriffen, hier ÄGB 5, 649) und ist damit bereits auf das 18. Jahrhundert zurückzuführen. Daneben sind zwei Entwicklungen des insbesondere literarischen Stil-Begriffs im Verlauf des 19. Jahrhunderts zu nennen, die vielleicht nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Wortprägung Lebensstil stehen, insofern sie aber Konnotationen des Wortes Stil im Allgemeinen betreffen, dennoch eine Rolle gespielt haben werden. Das betrifft erstens die seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts gegenüber einem vorher rhetorischen Begriffsverständnis eintretende Individualisierung des literarischen Stil-Begriffs, der zunächst in unmittelbarem Zusammenhang mit dem bei den Sturm-und-Drang-Schriftstellern zum Geniekult gesteigerten Individualitäts- und Originalitätsdenken steht (ÄGB 5, 653). Zum anderen entsteht zu dieser Zeit als Übertragung des Individualisierungsgedanken auf Völker die neue Kollektivstil-Konstruktion des Nationalstils (vgl. ÄGB 5, 654). Für diese Konstruktion spiele Sprache eine zentrale Rolle; während der Kulminationsphase des stiltypologischen Denkens in den ersten Jahrzehnten des 20. Jh., also genau zu jener Zeit, in der auch Lebensstil geprägt wird, wird Sprache dann unmittelbar mit Nationalstil identifiziert (ÄGB 5, 655). Das Konzept des Nationalstils steht zwar vermutlich in keinem unmittelbaren Zusammenhang zur Prägung von Lebensstil; dennoch ist spätestens mit der Ausbildung dieses Begriffs die Übertragung von Stil auch auf gesellschaftliche (Groß-)Gruppierungen geleistet.

Neben Simmel gilt Max Weber als einer derjenigen frühen deutschsprachigen Soziologen, die das Wort Lebensstil in die Fachsprache eingebracht haben (vgl. etwa die Ausführungen von Saurer in EdN s. v. Lebensstile und von Brachfeld in HWPh, hier 147). Tatsächlich verwendet Weber das Wort, wesentlich häufiger jedoch verwendet er allerdings, das zeigen die Beispiele Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus ebenso wie Wirtschaft und Gesellschaft, Lebensführung (vgl. nur 1922 aus Wirtschaft und Gesellschaft als ein Beispiel für zahlreiche; Lebensstil findet zwar auch Verwendung, allerdings ungleich seltener). Im Gegensatz zu Simmel, der sich theoretisch und historisch mit Lebensstil(en) auseinandersetzt, behandelt Weber den Lebensstil bzw. genauer die Lebensführung einer bestimmten sozialen Gruppe (vgl. EdN s. v. Lebensstile).

Ab den 1980er Jahren hat Lebensstil als Wort und Konzept in der Soziologie weitere Verbreitung gefunden (vgl. EdN s. v. Lebensstile): Lebensstil wird nun namensgebend für die Lebensstilsoziologie, es entsteht der Bereich der Lebensstilforschung.

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Dahinter steht die Annahme, dass Lebensstil ein sinnvolles Konzept zur Ergänzung der älteren Klassen- oder Schichtmodelle für die Sozialstrukturanalyse sein könne (vgl. etwa Otte 2004, 13.). Der Hintergrund scheint ein doppelter zu sein: Einerseits kann die Wiederentdeckung des Wortes Lebensstil und die Entwicklung einer Lebensstilsoziologie als Reaktion auf eine von der Soziologie beobachtete neuerlich veränderte Gesellschaftssituation, eines Bruchs innerhalb der Moderne wie sie etwa Ulrich Beck mit seiner These von der Risikogesellschaft vertritt (Beck 1986; vgl. auch Otte 2004, 12), verstanden werden. Zugleich (oder auch vor diesem Hintergrund) speist sich die Lebensstilforschung auch aus dem Bereich der Marktforschung (vgl. Wörterbuch der Soziologie, 268–269). Jedenfalls wird Lebensstil nun auch in der historischen Perspektive als im Vergleich zu Kategorien wie Klasse oder Schicht geeigneter wahrgenommen, um die Lebenswelt detailliert erfassen zu können (vgl. EdN s. v. Lebensstile sowie Wörterbuch der Soziologie, 268–269).

Unter den Überbegriff der Lebensstilsoziologie bzw. Lebensstilforschung (2002) können auch ältere Begriffe wie Lebensführung oder soziale MilieusWGd subsumiert werden (so etwa bei Otte 2004, 15). Etwa ab den 1980er Jahren ist, vielleicht vor dem Hintergrund der soziologischen Neubesetzung des Begriffs, Lebensstil in den medizinischen Diskurs eingegangen, was sich in der Wortprägung Lebensstilmedizin niederschlägt (1995, 1999).

Alfred Adler und die Übernahme von Lebensstil in die Individualpsychologie #

Von der Soziologie ausgehend wird das Wort Lebensstil bereits in den 1920er Jahren die Individualpsychologie eingeführt. An der Schnittstelle zwischen Soziologie und Individualpsychologie ist Folkert Wilken zu verorten, der in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts vom Lebensstil der Neuzeit (1926c) spricht. Dieser mache die Persönlichkeit allererst zu einem Problem und bringe die nervöse Persönlichkeit, gewissermaßen als absolute Zuspitzung des neuzeitlichen Lebensstils, als Störfall hervor (1926d, 1926b). Wilkens Analyse der nervösen Persönlichkeit ist in eine soziologische Gesellschaftsbeobachtung in Anlehnung an die Modernisierungstheorie etwa Ferdinand Tönnies‘ eingelassen (vgl. Wilken 1926, 68) und macht den nervösen Charakter zum Gegenstand der Individualpsychologie. Damit wird Lebensstil bei Wilken, insofern in soziologischer Perspektive von einem Lebensstil der Neuzeit ausgegangen wird, zunächst auf der kollektiven Ebene angesiedelt; zugleich führt er vor dem Hintergrund von Adlers bereits länger vertretenem Ansatz das Wort Lebensstil – Adler hatte zuvor unter anderem Lebensplan (1914) verwendet – in die Individualpsychologie ein.

Alfred Adler, in dessen Ansatz Individualpsychologie und Lebensstil systematisch verknüpft werden, nutzt das Wort selbst wohl 1926 erstmals, genauer in der Vorrede zum Handbuch der Individualpsychologie, in dem auch Folkert Wilken das Wort in die Individualpsychologie einbringt (1926a). Zuvor verwendet Adler in seinem Theoriegebäude andere Wörter mit ähnlicher Funktion, so etwa Lebensplan (1914). Inwieweit es sich bei Adlers mutmaßlichem Erstgebrauch von Lebensstil nun um eine Spontanbildung handelt, um eine bewusste Verwendung gerade dieses Wortes oder aber um eine Verwendung unter Einfluss von Folkert Wilken, ist schwer zu klären.1) Deutlich ist aber, dass bereits Adlers Verwendung in der Vorrede zum Handbuch der Individualpsychologie gerade auf den individuellen Lebensstil[] abhebt: Lebensstil ist hier nicht (nur) der Lebensstil eines KollektivsWGd, sondern eine individuelle Angelegenheit, die auf das engste mit dem Seelischen verbunden ist (1926a). Eine derartige Verknüpfung von individueller Lebensführung und Seelischem kann wissenshistorisch nun erst in dem Moment entstehen, in dem ein neues Menschenbild aufkommt, in dem das Unbewusste entdeckt wird.2)

Von den Fachsprachen aus wird Lebensstil in den allgemeinen Sprachgebrauch übernommen (1924, 1948, 2017), hier in der Bedeutung vergleichbar Lebensweise auf individuelle und/oder kollektive Formen der Lebensgestaltung aber auch des Lebensstandards abhebend.

Anna S. Brasch

Anmerkungen #

1)Heinz L. Ansbacher stellt in den 1960ern die Überlegung an, dass Adler nicht nur auf der Grundlage von Wilkens Publikationen, sondern auch über den persönlichen Austausch mit ihm das neue Wort Lebensstil übernommen haben könnte (vgl. Ansbacher 1967, 199 unter Berufung auf personal communication mit Wilken). O. Brachfeld will – in expliziter Gegenrede zu Ansbacher – im Eintrag Lebensstil im Historischen Wörterbuch der Philosophie einen Beleg für die Verwendung des Wortes bei Adler bereits vor im Jahr 1916 gefunden haben (HWPh 5, 148 Anm. 5 unter Rekurs auf Adler 1914). Dieser Beleg konnte im Rahmen des vorliegenden Beitrags allerdings nicht aufgefunden werden.

2) Vgl. mit einer ähnlichen These bereits Ansbacher 1967, 209.

Literatur #

Adler 1914 Adler, Alfred: Die Individualpsychologie, ihre Voraussetzungen und Ereignisse. In: Scientia Bd. 16 (1914), S. 74–87.

ÄGB Ästhetische Grundbegriffe. Historisches Wörterbuch in sieben Bänden, herausgegeben von Karlheinz Barck u. a. Stuttgart u. a. 2000–2005.

Ansbacher 1967 Ansbacher, Heinz L.: Life Style: A Historical and systematic Review. In: Journal of Individual Psychology (1967), H. 23 (2), S. 191–212.

Beck 1986 Beck, Ulrich: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt a. M. 1986.

Brachfeld 1980 Brachfeld, Oliver: Art. „Lebensstil“. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Herausgegeben von Joachim Ritter, Karlfried Gründer, Gottfried Gabriel. Völlig neubearb. Ausg. des „Wörterbuchs der philosophischen Begriffe“ von Rudolf Eisler. 13 Bde., Basel 1971–2007. Bd. 5. Basel/Stuttgart 1980, Sp. 147–149.

1DWB Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Bd. 1–16. Leipzig 1854–1961. Quellenverzeichnis Leipzig 1971. (woerterbuchnetz.de)

EdN Enzyklopädie der Neuzeit online. Im Auftrag des Kulturwissenschaftlichen Instituts (Essen) und in Verbindung mit den Fachherausgebern hrsg. von Friedrich Jaeger. Leiden 2019. [basierend auf der Druckausg. im J. B. Metzler Verlag Stuttgart, 2005–2012]. (brillonline.com)

HWPh Historisches Wörterbuch der Philosophie. Herausgegeben von Joachim Ritter, Karlfried Gründer, Gottfried Gabriel. Völlig neubearb. Ausg. des „Wörterbuchs der philosophischen Begriffe“ von Rudolf Eisler. Bd. 1–13. Basel 1971–2007.

Otte 2004 Otte, Gunnar: Sozialstrukturanalysen mit Lebensstilen. Eine Studie zur theoretischen und methodischen Neuorientierung der Lebensstilforschung. Wiesbaden 2004.

Saurer 2014 Saurer, Edith: Art. „Lebensstile“. In: Enzyklopädie der Neuzeit Online. Im Auftrag des Kulturwissenschaftlichen Instituts (Essen) und in Verbindung mit den Fachherausgebern herausgegeben von Friedrich Jaeger. Online zuerst: 2014. (doi.org)

Simmel 1900 Simmel, Georg: Philosophie des Geldes. Leipzig 1900.

Wilken 1926 Wilken, Folkert: Staats- und Sozialwissenschaften. In: Alfred Adler/Erwin Wexberg (Hrsg.): Handbuch der Individualpsychologie. Zweiter Band: Geisteswissenschaften, Soziologie, Kriminialistik, Bibliographie, Register. München 1926, S. 67–96.

Wörterbuch der Soziologie Wörterbuch der Soziologie. Hrsg. von Günter Endruweit/Gisela Trommsdorff/Nicole Burzan. 3., völlig überarb. Aufl. Konstanz u. a. 2014.

Belegauswahl #

Ja selbst die Abnormitäten in dem Styl des Lebens, die wir unter diesen Künstlern so häufig antreffen, geben doch Zeugniß für das Dasein und die Gewalt dieser Begeisterung.

Schleiermacher, Friedrich: Ueber den Umfang des Begriffs der Kunst in Bezug auf die Theorie selbst. In: Friedrich Schleiermacher’s literarischer Nachlaß. Zur Philosophie. Erster Band. Berlin 1835, S. 181–198, hier S. 212-213. (books.google.de)

Andere dagegen mit mehr nüchterner und soldatisch zugeschnittener Form des Lebens, die als Ganzes lange nicht so bunt ist, haben doch einen viel stärkeren Individualitätstrieb, unterscheiden sich innerhalb ihres gleichförmigen und einfachen Lebensstiles viel schärfer und prägnanter voneinander, als jene in ihrer bunten und wechselnden Art.

Simmel, Georg: Über sociale Differenzierung. Sociologische und psychologische Untersuchungen. Leipzig 1890, S. 50. (deutschestextarchiv.de)

Sehen wir einmal vom Porträt ab, bei dem wegen des rein individuellen Vorwurfs das Problem sich kompliziert, so wird man von kleineren Bestandstücken aus Werken bildender wie redender Kunst weder den Eindruck der Wahrheit noch den der Unwahrheit empfangen, sie stehen, so weit sie isoliert sind, noch jenseits dieser Kategorie; oder von der anderen Seite angesehen: in Hinsicht der Ansatzelemente, von denen aus das Kunstwerk weitergebildet wird, ist der Künstler frei; erst wenn er einen Charakter, einen Stil, ein Farben- oder Formelement, einen Stimmungston gewählt hat, ist der Zuwachs der weiteren Teile dadurch präjudiziert.

Simmel, Georg: Philosophie des Geldes. Leipzig 1900, S. 67–68. (deutschestextarchiv.de)

Unter dieser Voraussetzung will ich in der Folge die wichtigsten Ergebnisse unserer Erforschung des Seelenlebens vorlegen. Es verdient hervorgehoben zu werden, das [sic!] sich die hier zu besprechende Dynamik des Seelenlebens in gleicher Weise bei Gesunden und Kranken findet. Was den Nervösen vom Gesunden unterscheidet, liegt in der stärkeren „Sicherungstendenz“ des Kranken, mittelst deren er seinen Lebensplan ausstattet. Von ihr wird später noch die Rede sein. Was aber die „Zielsetzung“ und den ihr angepassten Lebensplan anlangt, so finden sich keinerlei grundlegende Differenzen.

Adler, Alfred: Die Individualpsychologie. Ihre Voraussetzungen und Ergebnisse. In: Scientia XVI (1914), S. 74–87, hier S. 79.

Inhaltlich findet die ständische Ehre ihren Ausdruck normalerweise vor allem in der Zumutung einer spezifisch gearteten Lebensführung an jeden, der dem Kreise angehören will.

Weber, Max: Grundriss der Sozialökonomik. III. Abteilung Wirtschaft und Gesellschaft. Tübingen 1922, S. 635.

Der ganze Lebensstil war darauf gestimmt, sittig, salbungsvoll, sentimental und in ewigen gegenseitigen Anhimmelungen ein wenig verlogen.

Rüttenauer, Benno: In der Gartenlaube. In: Berliner Tageblatt (Morgen-Ausgabe), 14. 3. 1924, S. 2. [DWDS]

Die individualpsychologische Technik kann nur in der Praxis des Lebens erworben werden. Sie ist erlernbare, künstlerische Tätigkeit. Was darüber gesagt werden kann, ist in diesen Blättern zu lesen. Immer handelt es sich um die Erfassung des individuellen Lebensstils, der sich uns als eine formale Bewegungslinie ergibt.

Adler, Alfred: Vorrede. In: Handbuch der Individualpsychologie. München 1926, S. V-VI, hier S. VI.

Der normale neuzeitliche Lebensstil und seine absolute Zuspitzung in der nervösen Form stimmen beide darin überein, daß sie das menschliche Gemeinschaftsleben zersetzen und an dessen Stelle Gebilde treten lassen, welche mehr oder minder verschleiert das materialistisch-dämonische Element erkennen lassen.

Wilken, Folkert: Staats- und Sozialwissenschaften. In: Handbuch der Individualpsychologie. Zweiter Band: Geisteswissenschafte/Soziologie/Kriminalistik/Bibliographie/Register. München 1926, S. 67–96, hier S. 83.

Der ganze Lebensstil war darauf gestimmt, sittig, salbungsvoll, sentimental und in ewigen gegenseitigen Anhimmelungen ein wenig verlogen.

Wilken, Folkert: Staats- und Sozialwissenschaften. In: Handbuch der Individualpsychologie. Zweiter Band: Geisteswissenschafte/Soziologie/Kriminalistik/Bibliographie/Register. München 1926, S. 67–96, hier S. 72.

Vor der Neuzeit hatte die Gemeinschaft den Primat vor dem Individuum. Die Neuzeit brachte die Befreiung des Individuums aus den Banden der Blutsgemeinschaft und das neue Individuum konstituierte den Primat des Individuums vor der Gemeinschaft. Dieser reflexartige in das äußerste Extrem ausschlagende Pendelschwung einer erstmals reagierenden Befreiungsimpulsivität erfuhr wieder den Gegenstoß der Ansprüche des menschlichen Gemeinschaftslebens. Und so drängen die Dinge auf einen Einklang der individuellen und gesellschaftlichen Notwendigkeiten hin, auf die Synthese beider Prinzipien. Diese ist noch nicht vollzogen. Unsere Zeit steht noch überwiegend im Zeichen der Reaktion gegen die Gemeinschaft. Ja, diese Reaktion scheint in den letzten Jahrzehnten in merkwürdiger Weise ihr eigenes Extrem aufgesucht zu haben, ein Extrem, das wie noch nie zuvor zur Störung aller sozialen Beziehungen geführt hat. Diese Störung hat seit der letzten Generation einen pathologischen Ausdruck gewonnen, dessen denkbar unzutreffende Charakterisierung als „nervöse Erkrankung“ nur aus dem anfänglich völligen Mißverstehen der zugrunde liegenden Vorgänge zu erklären ist. […] Erst Alfred Adler, welcher ursprünglich der psychoanalytischen Schule angehörte, sich dann frei machte, gelangte zu einer ungleich tieferen Erfassung der Wurzeln der nervösen Erkrankung. Er fand, daß es sich um eine Störung des zentralen Kernes der menschlichen Persönlichkeit handelte, daß der Lebensplan, unter dem die menschliche Persönlichkeit steht, im Falle der nervösen Erkrankung die charakteristischen Wurzeln der gesamten Störung enthält. Durch diese Erkenntnis war die sog. nervöse Erkrankung aus der Sphäre der unverantwortlichen Ereignisse innerhalb des psychophysischen Trieblebens in diejenige Sphäre verlegt worden, in der die Tätigkeiten der selbstverantwortlichen Persönlichkeit statthaben. Die nervöse Erkrankung war damit zu einer Charakterfrage geworden. Und diese durch Adler begründete Forschungsmethode nannte sich dementsprechend die „individual“psychologische, und als ihr Forschungsobjekt etrachtete sie den nervösen „Charakter“.

Wilken, Folkert: Staats- und Sozialwissenschaften. In: Handbuch der Individualpsychologie. Zweiter Band: Geisteswissenschafte/Soziologie/Kriminalistik/Bibliographie/Register. München 1926, S. 67–96, hier S. 69.

Dabei ist bereits eine Vollbeschäftigung erreicht. Die Rückkehr zum Lebensstil der Vorkriegszeit, die, wie gesagt, durch den Ausfall der Kapitalerträge aus dem Auslande erheblich erschwert ist, hängt also in Zukunft von erhöhter Leistung der konstant blei-Zukunft Zahl von Arbeitskräften ab.

N. N.: Großbritannien und der Kontinent. In: Die Zeit, 23. 12. 1948, Nr. 52. [DWDS]

Besonders betroffen sind die Menschen in den reichen Industriestaaten, so leiden Westdeutsche etwa doppelt so häufig unter Allergien wie Ostdeutsche (siehe Graphik). Vor allem drei Faktoren prägen das Leiden: erstens erbliche Faktoren, die mehr als die Hälfte beisteuern und Basis vieler allergischer Leiden sind, zweitens der westliche Lebensstil („Lifestyle“, mit etwa dreißig bis vierzig Prozent) sowie drittens die Umweltbelastung durch Industrie und Verkehr (zirka zehn Prozent). Dies ist, stark vereinfacht, das Ergebnis eines internationalen Symposiums über Allergien und Allergotoxikologie, das vom 28. April bis zum 1. Mai in Hamburg stattfand.

N. N.: Leiden am Lifestyle. In: Die Zeit, 5. 5. 1995, Nr. 19. [DWDS]

Viele chronische und erhebliche Kosten verursachende Erkrankungen sind Ergebnis unseres Lebensstils, welcher durch Überfluss, Genuss und Bequemlichkeit charakterisiert ist. Statt der aufwendigen Behandlung gibt es zumindest für die Zukunft eine bessere Alternative: Prävention durch Gesundheitsförderung.

N. N.: Dick und krank. In: Die Zeit, 19. 8. 1999, Nr. 34. [DWDS]

Mit diesem kultursoziologischen Instrumentarium hat Bourdieu die Lebensstilforschung nachhaltig beeinflusst – auch dort noch, wo die Markt- und Trendforscher jene kritische Intention preisgegeben haben, die hinter Bourdieus Theorie steht.

Der Tagesspiegel, 24. 1. 2002. [DWDS]

Leisten kann die sich nur Olivia, die in einer Penthousewohnung lebt, Haushälterin inklusive. Ihr Lebensstil beeindruckt die Stipendiatin Kate, die sich mit Nebenjobs in Chinatown über Wasser hält, was sie, genau wie ihre Herkunft, vor den Mitschülern geheim hält.

N. N.: Verrat als größter Horror. In: Die Zeit, 18. 10. 2017, Nr. 42. [DWDS]