Vorschauansicht

Wortgeschichte zu

Lifestyle

Lebensformen

Themenfeld Politik & Gesellschaft

Kurz gefasst

Lifestyle bedeutet im Gegensatz zur breiteren Bedeutung im Englischen im Deutschen Lebensstil, der dem Zeitgeist entspricht und der der sozialen Distinktion dient. Wortgeschichtlich handelt es sich um eine doppelte Entlehnungsgeschichte: Im Englischen entspricht lifestyle nicht nur dem deutschen Lebensstil, es geht auch auf das Deutsche zurück. Für die Entstehung des englischen Wortes lifestyle werden die Schriften von Alfred Adler eine gewisse Rolle gespielt haben. Die Verbreitung des Wortes im Englischen über den Bereich der Individualpsychologie hinaus mag durch die Übersetzung der Schriften Max Webers, genauer von Lebensführung als style of life, befördert worden sein. In den 1960er Jahren findet lifestyle im englischsprachigen Raum und in Anlehnung an Weber einerseits und an Louis Wirths way of life andererseits Eingang in die entstehende Konsum- und Werbeforschung. Das englische lifestyle wiederum wird spätestens in den 1980er Jahren mit der genannten gegenüber dem Englischen lifestyle engeren Bedeutung zurück ins Deutsche entlehnt. Spätestens ab den 1990er Jahren kann Lifestyle als etabliert im Wortschatz des Deutschen gelten.

Navigation

Wortgeschichte #

Bedeutungsverengung bei der Entlehnung aus dem Englischen #

Lifestyle ist auf den ersten Blick ein englisches Wort. Dennoch unterscheidet sich die Verwendung im Englischen von der im Deutschen durchaus: Im Englischen bedeutet lifestyle [a] style or way of living (associated with an individual person, a society, etc.); esp. the characteristic manner in which a person lives (or chooses to live) his or her life sowie [i]n Adlerian psychology: a pattern of reactions and behaviour that is established in childhood and remains characteristic of an individual (3OED unter lifestyle). Damit entspricht das englische lifestyle in seiner Bedeutung dem deutschen LebensstilWGd. Im Deutschen hingegen steht Lifestyle für einen ganz bestimmten Lebensstil, genauer einen, zu dessen Konnotationen Modernität (1999), Trendorientierung und Interesse für Mode und Design (1998, 2000a), Urbanität und ein Leben am Puls der Zeit (2012) gehören, daneben auch Gesundheit und Fitness (2002, 2004), schließlich Konsum (2000b) oder – gewissermaßen als Gegenentwurf zu Letzterem – jüngst auch Minimalismus (2019). Einen Lifestyle zu pflegen erfüllt die Funktion der Distinktion (1987, 1994, 2000b, 2001). Lifestyle bedeutet im Gegensatz zur breiteren Bedeutung im Englischen im Deutschen also Lebensstil, der dem Zeitgeist entspricht und der der sozialen Distinktion dient. Lifestyle ist mithin, betrachtet man die Relation der beiden Wörter im Deutschen zueinander, ein spezifischer Lebensstil und also ein Unterbegriff zu Lebensstil.

Entlehnung und Rückentlehnung. Von Lebensführung zu Lifestyle #

Wortgeschichtlich betrachtet handelt es sich bei Lifestyle um eine doppelte Entlehnungsgeschichte: Lifestyle entspricht im Englischen nicht nur in der Bedeutung dem deutschen Lebensstil, es geht auch auf das Deutsche zurück. Das Oxford English Dictionary verzeichnet als origin: Formed within English, by compounding; modelled on a German lexical item (3OED unter lifestyle). Auch für die Entstehung des englischen Wortes lifestyle werden die Schriften von Alfred Adler eine gewisse Rolle gespielt haben. In Problems of Neurosis (1929) verwendet Adler mehrfach life-style (etwa 1929a, 1929b, 1929c), noch allerdings mit Bindestrich, was dafürspricht, dass es sich noch nicht um ein eingeführtes Wort handelt. Vor 1929 bucht das Oxford English Dictionary lediglich einen Beleg, in dem das Wort nicht nur mit Bindestrich geschrieben wird, sondern zudem auch in Anführungszeichen gesetzt und so als Wortneuschöpfung markiert wird (vgl. 3OED unter lifestyle).

Für die Verbreitung des Wortes im Englischen über den Bereich der Individualpsychologie hinaus mögen die Übersetzungen der Schriften Max Webers eine Rolle gespielt haben (vgl. ÄGB 5, 696): 1946 übersetzen H. H. Gerth und C. Wright Mills Webers LebensführungWGd (sic!) mit style of life (1922, 1958). Das Oxford English Dictionary bucht erst ab 1946 Belege für lifestyle in der Bedeutung style or way of living (3OED unter lifestyle). In den 1960er Jahren findet lifestyle im englischsprachigen Raum in Anlehnung an die Weber-Übersetzung einerseits und an Louis Wirths way of life (Wirth 1938) andererseits Eingang in die entstehende Konsum- und Werbeforschung (vgl. ÄGB 5, 696).

Das englische lifestyle wiederum wird spätestens in den 1980er Jahren mit der bereits dargelegten semantischen Verengung zurück ins Deutsche entlehnt (1987). Mindestens seit den 1990er Jahren kann es als etabliert im Wortschatz des Deutschen gelten. Dabei besteht eine gewisse inhaltliche Nähe zwischen den Zielen einer Konsum- und Werbeforschung einerseits und einer Reihe der dargelegten Bedeutungsaspekte von Lifestyle im Deutschen andererseits. Vor diesem Hintergrund liegt die Vermutung nahe, dass der Grund für die spezifische semantische Kontur des Wortes Lifestyle im Deutschen in der Entlehnung aus den Diskursen der Werbe- und Konsumforschung zu suchen ist.

Anna S. Brasch

Literatur #

Adler 1929 Adler, Alfred: Problems of Neurosis. A book of case-histories. With a Prefactory Essay by F. G. Crookshank. Edited by Philippe Mairet. London 1929.

ÄGB Ästhetische Grundbegriffe. Historisches Wörterbuch in sieben Bänden, herausgegeben von Karlheinz Barck u. a. Stuttgart u. a. 2000–2005.

Ansbacher 1967 Ansbacher, Heinz L.: Life Style: A Historical and systematic Review. In: Journal of Individual Psychology (1967), H. 23 (2), S. 191–212.

3OED Oxford English Dictionary. The Definite Record of the English Language. Kontinuierlich erweiterte digitale Ausgabe auf der Grundlage von: The Oxford English Dictionary. Second Edition, prepared by J. A. Simpson and E. S. C. Weiner, Oxford 1989, Bd. 1–20. (oed.com)

Soeffner/Raab 2003 Soeffner, Hans-Georg/Jürgen Raab: Art. „Stil“. In: Ästhetische Grundbegriffe. Historisches Wörterbuch in sieben Bänden, hrsg. von Karlheinz Barck u. a. Bd. 5. Stuttgart/Weimar 2010 [2003], S. 641–703.

Wirth 1938 Wirth, Louis: Urbanism as a way of life. In: The American Journal of Sociology 44/1 (1938), S. 1–24.

Belegauswahl #

Inhaltlich findet die ständische Ehre ihren Ausdruck normalerweise vor allem in der Zumutung einer spezifisch gearteten Lebensführung an jeden, der dem Kreise angehören will.

Weber, Max: Grundriss der Sozialökonomik. III. Abteilung Wirtschaft und Gesellschaft. Tübingen 1922, S. 635.

This fragment of memory records the two typical motives of the man’s life-style.

Adler, Alfred: Problems of Neurosis. A book of case-histories. With a Prefactory Essay by F. G. Crookshank. Edited by Philippe Mairet. London 1929, S. 8.

It is this which develops later into the more formulated life-style, and conditions the answer to the three questions of life.

Adler, Alfred: Problems of Neurosis. A book of case-histories. With a Prefactory Essay by F. G. Crookshank. Edited by Philippe Mairet. London 1929, S. 31/32.

Owing to the great number of spoiled children who come under treatment the image of the mother is rarely absent from the earliest rememberence; indeed, if I suspect the life-style of a pampered child, I can invariably guess that the patient will recall something about his mother.

Adler, Alfred: Problems of Neurosis. A book of case-histories. With a Prefactory Essay by F. G. Crookshank. Edited by Philippe Mairet. London 1929, S. 122.

In content, status honor is normally expressed by the fact that above all else a specific style of life can be expected from all those who wish to belong to the circle.

From Max Weber: Essays in Sociology. Translated, edited and with an introduction by H. H. Gerth and C. Wright Mills. New York 1958 [1946], S. 187.

Wer Bloomingdale’s durch die Kosmetikabteilung betritt, setzt sich ungestümen Duftkanonaden aus, die ein Spalier junger Verkäuferinnen kostenlos versprayt. Den Parfüm-Kreationen der Saison, offensichtlich unverzichtbarer Bestandteil des Lifestyles gehobener Stände, wird hier auf exzessive Weise gehuldigt. Tiffany hat zu seinem 150jährigen Bestehen eine eigene Duftnote herausgebracht, Elizabeth Taylor wirbt von überlebensgroßen Plakattafeln herab für den Inhalt ihrer lila Flakons, denen ein gebremst vulgärer Hautgout entströmt.

N. N.: Stadt des Lichtes, Stadt der Schatten. In: Die Zeit, 11. 12. 1987, Nr. 51. [DWDS]

Wer mit dem Lifestyle der oberen Zehntausend Werbung macht, stößt im Osten auf Unverständnis.

Rennefanz, Sabine: Werben ohne Schnickschnack. In: Berliner Zeitung, 2. 5. 1994. [DWDS]

Warhol arbeitete nicht nur im Bereich der bildenden Kunst, sondern war gleichermaßen einflußreich Filmemacher, Musik-Promoter und allgemein Trendsetter in Mode, Werbung und Lifestyle.

Der Tagesspiegel, 31. 8. 1998. [DWDS]

Schauen Sie in die Zeitungen: nur noch Modernes Leben, Lifestyle und dies und jenes.

Jürgens, Christian: [o.T.]. In: Die Zeit, 25. 2. 1999, Nr. 9, S. 43. [DWDS]

Aus Anlass des 25jährigen Jubiläums seiner Neuen Sammlung präsentiert das Berliner Kunstgewerbemuseum am Kulturforum unter dem Titel „Lifestyle – Design und Kunsthandwerk des 20. Jahrhunderts“ die bisher umfangreichste Ausstellung seines auf über 2000 Objekte angewachsenen Bestandes. Unter dem Motto „Lifestyle“ sollen Möbel, Kannen, Ketten nicht mehr unter dem Zwang stehen, nur Form zu sein oder Material, sondern Ausdruck des Lebens in ihrer Zeit.

Der Tagesspiegel, 11. 5. 2000. [DWDS]

„J-Cups“ ist der Coffee-to-Go für eine Generation in Bewegung. Das ist ein Lifestyle, das ist das Besondere.

Peters, Harald: FRAGE. In: Berliner Zeitung, 15. 11. 2000. [DWDS]

Man wollte sich von den Lifestyle und Schicki-Micki-Welten der Wettbewerber abheben und setzte auf die volkstümliche Schiene.

Hars, Wolfgang: Nichts ist unmöglich! Lexikon der Werbesprüche, München 2001 [1999], S. 125. [DWDS]

Das monatliche Magazin liegt deutschlandweit in den großen Fitness-Centern aus. „Pop, Fitness und Lifestyle gehören zusammen, und die jungen Talente bringen alle ihren Körper in Form“, sagt Chefredakteur Matthias Lukaschewitsch.

Der Tagesspiegel, 26. 1. 2002. [DWDS]

Auch die sporadischen Besuche in edlen Wohlfühltempeln, die für viele zum persönlichen Lifestyle geworden sind, entsprechen nicht unbedingt dem Ansatz der Bewegung, die mit Wellness eine praktizierte Lebensform meint.

N. N.: Wunder aus dem Wassertank. In: Der Tagesspiegel, 5. 10. 2004. [DWDS]

Denn dort pulsiert Berlin, vibriert und erfindet sich gerade neu. Wenn Sie also nicht nur satt werden wollen, sondern zugleich einen aktuellen und höchst individuellen Lifestyle ausdrücken wollen, dann kaufen Sie Nudeln aus der Manufaktur.

N. N.: »Manufaktur«. In: Die Zeit, 25. 10. 2012, Nr. 44. [DWDS]

Minimalismus als Lebensstil heißt: bewusster Verzicht, um Platz für das Wesentliche zu schaffen. Dinge loszulassen fällt jedoch oft schwer. Diese Tipps helfen dir, innerhalb weniger Wochen minimalistisch(er) zu werden – und zu bleiben.

Jakob, Stefanie: Minimalismus: 3 Methoden für Einsteiger (18. März 2019). In: Utopia online (utopia.de)