Vorschauansicht

Wortgeschichte zu

Pauperismus

Politik & Gesellschaft

Kurz gefasst

Pauperismus wird in den 1830er Jahren aus dem Englischen ins Deutsche entlehnt. Gleichwohl gibt es im Deutschen im 18. Jahrhundert mit der Entlehnung von pauperWGd sowie der Bildung von Komposita mit pauper- wie etwa Pauperschüler oder Pauperbursche sprachgeschichtliche Wegbereiter. Weitere Verbreitung hat Pauperismus vor allem in den 1830er und 1840er Jahren erfahren; seither bedeutet es Massenverarmung breiter Bevölkerungsteile in der vor- und frühindustriellen Phase in Europa. Vor dem Hintergrund einer geänderten sozioökonomischen Lage in Deutschland ab den 1850er Jahren sinkt die Bezeugungsfrequenz von Pauperismus ab. Gleichzeitig steigt die Bezeugungsfrequenz der auf andere Formen der Armut bezogenen Wörter Verelendung und soziale Frage.

Navigation

Wortgeschichte

Pauper und pauperism: Entlehnung

Pauperismus tritt als Wort im Deutschen erstmals zu Beginn der 1830er Jahre auf (1830, 1831). Es ist auf das englische Substantiv pauperism zurückzuführen, das bereits um 1800 durch Verbindung des älteren pauper mit dem Suffix -ism abgeleitet wird und seit den 1790er Jahren der Zustand, extrem arm zu sein; extreme Armut‘ sowie seit Beginn des 19. Jahrhunderts Existenz einer extrem armen Bevölkerungsschicht bedeutet (vgl. 3OED unter pauperism, n.). Vom Englischen aus wird das neue Substantiv sowohl ins Französische (vgl. TLFi unter paupérisme) als auch etwas später ins Deutsche entlehnt, wobei für die Übernahme ins Deutsche auch die Verwendung im Französischen eine Rolle gespielt haben könnte: Werner Conze hat darauf hingewiesen, dass Alban Villeneuve-Bargemons Abhandlung Économie politique chrétienne, ou recherches sur la nature et les causes du paupérisme […] (Paris 1834) wichtig für die Übernahme des Wortes ins Deutsche gewesen sei (GG 4, 39). Einzelne Belege sprechen jedenfalls durchaus dafür, dass die frühere Entlehnung vom Englischen ins Französische auch für die Etablierung im Deutschen eine Rolle gespielt haben mag (1831). Auch in Heyses Verdeutschungswörterbuch spielen französische Wörter im Eintrag zum lateinischen pauper, unter dem auch Pauperismus gebucht wird, Mitte der 1830er Jahre eine auffallend große Rolle (vgl. Heyse Fremdwörterbuch, 184–185).

Sprachgeschichtliche Vorläufer im Deutschen

Auch wenn die Bildung Pauperismus als Lehnwort aus dem Englischen Eingang ins Deutsche findet, gibt es doch auch im Deutschen bereits im 18. Jahrhundert sprachgeschichtliche Entwicklungen, die den Boden für die Entlehnung bereiten und die steigende Bezeugungsfrequenz des Substantivs Pauperismus ab Mitte der 1830er Jahre vorbereiten. So treten die lateinischen Wörter pauper und paupertas in deutschsprachigen Texten mindestens des 18. Jahrhunderts auf; pauper wird nachfolgend ins Deutsche entlehnt. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts bilden sich zudem eine ganze Reihe von Komposita mit Pauper- als Bestimmungswort aus (vgl. hierzu im Detail den entsprechenden Abschnitt im Artikel PauperWGd).

Voraussetzungen der Verbreitung von Pauperismus

Die DWDS-Wortverlaufskurve zeigt Anstieg und Abfall der Verwendungsfrequenz von Pauperismus im Vergleich zu Verelendung und der Wortverbindung soziale Frage.

Abb. 1: DWDS-Wortverlaufskurve zu Pauperismus, Verelendung und soziale Frage.

DWDS (dwds.de) | Bildzitat (§ 51 UrhG)

Ab den 1830er Jahren steigt die Bezeugungsfrequenz für Pauperismus im Deutschen signifikant (vgl. Abb. 1). Das Wort kann dabei zwar auch recht allgemein im Sinne von Armut verwendet werden (1844) und in dieser Bedeutung auf verschiedene Gesellschaftsschichten bezogen werden (1840a); im engeren Verständnis bezeichnet Pauperismus jedoch eine ganz spezifische Form der Armut zu Zeiten der Vor- und Frühindustrialisierung (1846, 1859), die sich hinsichtlich Ursachen, Verbreitungsgrad innerhalb der Bevölkerung (Massenverarmung) und Ausmaß sowohl von älteren Formen der Armut als auch von späteren Formen der Arbeiterarmut in den Städten unterscheidet – Werner Conze hat schon früh herausgearbeitet, dass Nahrungslosigkeit zum Kennzeichen des Pauperismus wurde (vgl. Conze 1954, 349).

Mehr erfahren

Sachhistorischer Hintergrund der Entstehung dieser Form der Massenarmut ist der tiefgreifende gesellschaftliche und ökonomische Umbauprozess um 1800: Beim Pauperismus handelt es sich nicht mehr um die Armut einer bislang an ihrer Fortpflanzung durch gesetzliche Restriktionen großenteils gehinderte Unterschicht, sondern einer durch vielerlei Emanzipationen (z. B. Bauernbefreiung, Gewerbefreiheit, gesteigerte Mobilität, Lockerung von Heiratsverboten) freigesetzten und sich relativ ungehemmt vermehrenden Masse […].‹P[auperismus]› bezeichnet demnach einen (vorwiegend ländlichen) Überbevölkerungsprozeß in der Übergangsphase zwischen gebundener Gesellschaftsordnung und dem ökonomischen Wirksamwerden der Industriellen Revolution. (HWPh 7, 217–218) In Deutschland sei der Pauperismus, so schon Conze, vor allem auf das Missverhältnis zwischen hohem Angebot von Arbeitskräften und der beschränkten Zahl von gewerblich-industriellen Arbeitsstellen in den 1840er Jahren zurückzuführen; er sei damit viel weniger eine Folge der jungen Industrie mit ihren niedrigen Löhnen als vielmehr der noch zu geringen Aufnahmefähigkeit der Industrie angesichts der fortschreitenden Übervölkerung (vgl. Conze 1954, 335). Diese existenzielle Form der Massenarmut nimmt ab den 1850er Jahren ab: Während seit der Mitte des Jahrhunderts (prototypisch) die Dreschmaschine auf dem Lande ihren Siegeszug antrat und die Überzähligen vom Lande vertrieb, wurden dadurch die Tagelöhner nicht brotlos, sondern frei gemacht für die Industrie, die sie aus der Gefahr der Nahrungslosigkeit herausführte. Wohl bliebt die soziale Frage bestehen – ja sie wurde im Zusammenhang mit der raschen Groß- und Industriestadtbildung verschärft. Aber das Entscheidende war zunächst geschehen: die Arbeitsstellen waren geschaffen worden und wurden weiter geschaffen, eine relative Sicherung der Existenz wurde erreicht. Zwar waren die Lebensbedingungen noch immer knapp und proletarisch; aber sie lagen doch über dem Stande des Pauperismus der 30er und 40er Jahre und wurden im Laufe der Jahre weiter verbessert. [Conze 1954, 362]

Schon die Zeitgenossen haben den Pauperismus dabei als neuartiges Phänomen wahrgenommen (1842a; 1846, vgl. auch Conze 1954, 336), dem sich in den 1830er und 1840er Jahren eine ganze Flut an Publikationen gewidmet hat (vgl. schon die zeitgenössische Beobachtung im Eintrag Pauperismus in Ersch-Grubers Allgemeiner Encyklopädie der Wissenschaften und Künste [1840b]; daneben auch Conze 1954, 355). Mit der zunehmenden Verbreitung von Pauperismus entsteht im Deutschen auch das Substantiv Pauper Armer bzw. Armer zu Zeiten der vorindustriellen Massenverarmung.

ArmutPauperismusVerelendung. Abgrenzungen, Ablösungen

In sprachgeschichtlicher Perspektive lassen sich im Übrigen unterschiedliche Wörter für die verschiedenen historischen Formen von Armut beobachten. So wird Pauperismus zunächst in der Regel in expliziter Abgrenzung zum weiteren und älteren Armut verwendet: Während letzteres auch ältere Formen der Armut bezeichnen kann, wird unter Pauperismus vor allem Massenverarmung, Massenelend (1842b, 1859) begriffen (vgl. auch EdN unter Pauperismus).

Mehr erfahren

Die Forschung hat im Zusammenhang mit der Ausbildung des Wortes Pauperismus darauf hingewiesen, dass Armut in Antike, Mittelalter und Früher Neuzeit als solche niemals anstößig gewesen sei: Not und Elend mochten als schweres Los empfunden worden sein – oder als Laster, sofern sie selbstverschuldet waren. Trotzdem galt es als selbstverständlich, dass die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung, die zur Subsistenzsicherung auf eigene Arbeit angewiesen war, arm war und bleiben sollte bzw. musste (wo das Christentum die Armut aufwertete, trug es zur Befestigung dieser Auffassung bei). Diese traditionelle Verbindung sei, so Thomas Sokoll, in der Industrialisierung zerbrochen und nun – aus unterschiedlichen Motiven – als gesellschaftlicher Skandal empfunden worden. (Vgl. EdN unter Pauperismus).

In den 1830er und 1840er Jahren tritt Pauperismus darüber hinaus häufig zusammen mit ProletarierWGd auf (1840c, 1845, 1847), dessen semantische Kontur zu dieser Zeit eng mit dem Wort Pauperismus verbunden ist (vgl. GG 5, 41; daneben auch Conze 1954).

Mit der veränderten sozioökonomischen Lage der unteren sozialen Schichten einerseits und der inhaltlichen Verschiebung des Armutsdiskurses hin zur sozialen Frage der Industrialisierung andererseits nimmt die Bezeugungsfrequenz des Wortes Pauperismus signifikant ab (vgl. Abb. 1). Diese Entwicklung geht mit einer auch semantischen Transformation einher: Pauperismus bezeichnet gegenwärtig überwiegend in historischer Perspektive jene Phase der Vor- und Frühindustrialisierung sowohl in Deutschland als auch in Europa, die in den 1830er und 1840er Jahren durch Massenarmut geprägt war (1964, 1983, 1991). Nur gelegentlich wird das Wort heute auch auf gegenwärtige soziale Entwicklungen bezogen, dabei im Vergleich zu den auf die sozioökonomischen Entwicklungen des 19. Jahrhunderts bezogenen Verwendungen freilich mit einem breiteren Verständnis von Verarmung (1992, 1993).

Zeitgleich zum Rückgang der Bezeugungsfrequenz des Wortes Pauperismus, das die Massenverarmung insbesondere der Landbevölkerung bezeichnet, steigt die Verwendungsfrequenz von VerelendungWGd (vgl. Abb. 1) an. Mit der allgemeinen Bedeutung fortschreitende Verschlechterung der Lebensverhältnisse seit den 1830er Jahren bezeugt (1836), hat Marx‘ These von der Verelendung des Proletariats die weitere Verwendungsgeschichte des Wortes maßgeblich beeinflusst: Verelendung wird seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts überwiegend im engeren Sinn fortschreitende Verschlechterung der Lebensverhältnisse der Arbeiterklasse gebraucht (1894, 1988). Marx verwendet im Übrigen auch PauperisierungWGd (1867), das jedoch erst im 20. Jahrhundert etwas häufiger bezeugt ist.

Neben Pauperismus und Verelendung tritt im 19. Jahrhundert nicht zuletzt die Verbindung soziale Frage auf. Sie ist ebenfalls bis in die 1830er Jahre zurückzuverfolgen, bezieht sie sich im weiteren wortgeschichtlichen Verlauf dann jedoch nicht mehr nur auf das langsam verschwindende vorindustrielle Proletariat, sondern nun insbesondere auf die prekäre Lage der Industriearbeiterschaft (1906, vgl. auch GG 5, 57) und erlangt deshalb im Lauf des 19. Jh.s eine begriffliche Hegemonie (EdN unter soziale Frage; vgl. auch Abb. 1).

Vom geistigen zum neuen Pauperismus. Verwendungen im 20. Jahrhundert

Im Zeitalter der Massenverarmung bezieht sich Pauperismus wie dargelegt überwiegend auf die materielle Not breiter Bevölkerungsschichten. Gleichwohl wird bereits im 19. Jahrhundert auch ein mit der materiellen Notlage verbundener bzw. sich aus dieser generierender geistiger Pauperismus im Sinne einer geistigen Verarmung beobachtet (1858). Dies ist wohl der Ausgangspunkt für eine Entwicklung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Pauperismus kann – zu einer Zeit, in der eine existentielle materielle Not, wie sie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts breite Bevölkerungsschichten betroffen hat, kaum mehr existiert – in Bezug auf die Gegenwart nun auch mit der Bedeutung geistig-seelische Verarmung verwendet werden (1962). Für diese Form des Pauperismus wird gelegentlich auch die Wendung neuer Pauperismus gebraucht (1967, 1968).

Anna S. Brasch

Literatur

Conze 1954 Conze, Werner: Vom „Pöbel“ zum „Proletariat“. Sozialgeschichtliche Voraussetzungen für den Sozialismus in Deutschland. In: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Bd. 41 H. 4 1954, S. 333–364.

EdN Enzyklopädie der Neuzeit online. Im Auftrag des Kulturwissenschaftlichen Instituts (Essen) und in Verbindung mit den Fachherausgebern hrsg. von Friedrich Jaeger. Leiden 2019. [basierend auf der Druckausg. im J. B. Metzler Verlag Stuttgart, 2005–2012]. (brillonline.com)

GG Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Hrsg. von Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck. Bd. 1–8. Stuttgart 1972–1997.

Heyse Fremdwörterbuch Heyse, Johann Christian August: Allgemeines Fremdwörterbuch oder Handbuch zum Verstehen und Vermeiden der in unserer Sprache mehr oder minder gebräuchlichen fremden Ausdrücke mit Bezeichnung der Aussprache, der Betonung und der nöthigsten Erklärung. Siebente rechtmäßige, vielfach bereicherte und verbesserte Ausgabe. Hannover 1835.

HWPh Historisches Wörterbuch der Philosophie. Herausgegeben von Joachim Ritter, Karlfried Gründer, Gottfried Gabriel. Völlig neubearb. Ausg. des „Wörterbuchs der philosophischen Begriffe“ von Rudolf Eisler. Bd. 1–13. Basel 1971–2007.

3OED Oxford English Dictionary. The Definite Record of the English Language. Kontinuierlich erweiterte digitale Ausgabe auf der Grundlage von: The Oxford English Dictionary. Second Edition, prepared by J. A. Simpson and E. S. C. Weiner, Oxford 1989, Bd. 1–20. (oed.com)

TLFi Trésor de la language française informatisé (Trésor de la language française, sous la direction de Paul Imbs/Bernard Quemada. Bd. 1–16. Paris 1972–1994). (atilf.fr)

Belegauswahl

Indeß, so sehr auch die Bevölkerung an Zahl seit 1807 angewachsen seyn mag, so möchte doch das Verhältniß des ackerbauenden Theils derselben eher abgenommen haben, wenn man aus dem Pauperismus schließen darf, der seit vierzig Jahren sich vervierfacht hat.

Das Ausland, 25. 3. 1830, Nr. 84, S. 335. (books.google.de)

De Morogues. Recherches des causes de la richesse et de la misère des peuples civilisés; application des principes de l’economie politique et des calculs de la statistique au gouvernement de l’état. 8. Paris.

Der Verfasser erkennt als Hauptursachen des überhand nehmenden Pauperismus die zu weit verbreitete Aufklärung, die bis ins Unendliche gehenden Fabrikanlagen und den in einem zu großen Umfang betriebenen Landbau. Derselbe hat sodann auf eine anschauliche Weise dargethan, wie sich die unterste Volksklasse mit der Verfielfältigung und Erweiterung des Fabrikwesens verschlechtert habe. Er empfielt die Einführung von Ackerbau-Colonien und zwar im Innern des Landes.

Ristelhueber, J. B.: Wegweiser zur Literatur der Waisenpflege, des Volks-Erziehungswesens, der Armenfürsorge, des Bettlerwesens und der Gefängniskunde. Cöln 1831, S. 128. (books.google.de)

Da nun auf diesem Anwesen der Unterschluf […]sic für die Kinder im Falle der Krankheit, und die Verpflegung derselben im Falle der Verelendung haftet, diese Bürden jedoch von dem Käufer nicht übernommen werden, so wird der auf Wanderschaft abwesende Sohn Ferdinand Meisenberger, seiner Profession ein Sattler, aufgefordert sich binnen 2 Monaten über den in Frage stehenden Verkauf seines älterlichen Hauses um so gewisser zu erklären, als im Falle der nicht abzugebenden Erklärung für ihn ein Kurator aufgestellt, mit diesem die Verkaufs-Verhandlung gepflogen und erledigt, und Ferdinand Meisenberger mit späteren Reklamationen nicht mehr gehöret würde.

Königliches Landgericht Griesbach. Schels, Landrichter: Bekanntmachung. In: Allgemeiner Anzeiger für das Königreich Bayern. Vierter Jahrgang, München 1836. Nr. 105, München 31. Dezember 1836, S. 1101. (books.google.de)

Eine Gesetzgebung, die aus den bunten Flecken eines Jahrtausends zusammengesetzt ist, an der man immerfort flickt, statt sie im Geiste des Jahrhunderts zu regeneriren; eine aus ihr hervorgegangene Stagnation aller materiellen Interessen, die nicht durch das österreichische Mauthsystem, sondern durch den Mangel an gesunden staatswirthschaftlichen Ansichten auf dem Landtage hervorgebracht wird; gänzlicher Mangel an Credit, Pauperismus des Adels im Ganzen – manche Ausnahmen gern zugestanden – welche Uebel wieder einzig und allein der Gesetzgebung zur Last fallen; […]der Mangel eines hinlänglich geschützten und selbstständigen Bürgerthums; schlechte, nicht zu erlebende, chikanöse Justizformen und ein Heer brodloser Advocaten, die aus Hunger immerfort zu Processen in einem Lande treiben, wo das Recht ohnehin nie klar wird, und wo dieselben Gesetze in derselben Sache bald für, bald gegen entscheiden; die gänzlich paralysirte Stellung der Executivgewalt und ihre durchaus unzureichende Action, die mit den andern Bestandtheilen der Verfassung in keinem Gleichgewicht steht; endlich die 40 Jahre währende Passivität der Regierung, die von den Ständen erwartete, was sie selbst anzuregen und auszuführen verpflichtet gewesen wäre – das sind mit wenig Worten die Gründe des Sturms, die ich in den Piis desideriis herauszustellen so naiv war, und gegen die auch noch nicht eine Stimme gewagt hat, mit irgend stichhaltigen Gegenbeweisen aufzutreten.

Allgemeine Zeitung, 11. 4. 1840, Nr. 102, S. 810. (deutschestextarchiv.de)

Pauperismus, ein aus dem lateinischen Worte pauper (arm) zuerst in England nachgebildetes, neuester Zeit nach Teutschland übergegangenes, der classischen, ja selbst mittelalterlichen Latinität unbekanntes Wort, das den Zustand der Armuth ganz im Allgemeinen, oder für einen Complex von Menschen im Allgemeinen, für einen Staat, ein Volk, ein Land, eine Stadt im Allgemeinen bezeichnet, während das Wort Armuth auch von einzelnen Menschen gebraucht wird. Jener Ausdruck ist in Teutschland beinahe erst üblich geworden, seitdem der Artikel Arme nebst seinen Zusatzartikeln im gegenwärtigen Werke […] bearbeitet worden ist. Seitdem hat sich die Literatur diesem Gegenstande mehr als je zugewendet und ihn besonders von dem höhern, dem nationalökonomischen Gesichtspunkt aus behandelt, den der Ausdruck Pauperismus selbst, im Vergleiche mit Armuth, einnimmt. Daher pflegt man durch ihn jetzt auch die Theorie der Armuth zu bezeichnen. […] Eine umständlichere Aufzählung der einzelnen Schriften würde bei der Menge derselben, mit der wir neuerlich überschüttet worden sind, die Grenzen dieses Artikels überschreiten.

Pauperismus. In: Ersch, J. E./Gruber, J. G.: Allgemeine Encyklopädie der Wissenschaften und Künste in alphabetischer Folge von genannten Schriftstellern bearbeitet. Dritte Section O-Z, herausgegeben von M. H. E. Meier und L. F. Kämtz. Vierzehnter Theil. Paul – Pehuenches. Leipzig 1840, S. 239–268, hier S. 239. (sub.uni-goettingen.de)

Unter allen Staaten Europa’s steht Großbritannien, wie schon erwähnt, in Hinsicht auf das Elend des Pauperismus oben an. Mit dem Aufschwunge der Industrie in den neuern Zeiten zu einer noch nie gesehenen Höhe konnte es nicht fehlen, daß dem Landbauer mancher Nebengewinnst entzogen wird, daß der mit wenigen Fonds versehene Handwerksmeister – eine Classe von Staatsbürgern, die den achtbaren, redlichen Mittelstand bildete – zum armen Fabrikarbeiter herabsinkt und daß sich die Staatsgesellschaft immer mehr in zwei Classen theilt, in wenige Reiche und „ein Heer von aussichtslosen Proletariern“.

Pauperismus. In: Ersch, J. E./Gruber, J. G.: Allgemeine Encyklopädie der Wissenschaften und Künste in alphabetischer Folge von genannten Schriftstellern bearbeitet. Dritte Section O-Z, herausgegeben von M. H. E. Meier und L. F. Kämtz. Vierzehnter Theil. Paul – Pehuenches. Leipzig 1840, S. 239–268, hier S. 241 unter Rekurs auf Bülau, in: Teutsche Vierteljahresschrift. Stuttgart/Tübingen Januar bis März 1838, S. 88 fg. (sub.uni-goettingen.de)

ES ist dies die Thatsache des Elends der arbeitenden Classen, der Pauperismus.

Ein neues Wort, ein energischer Ausdruck, der geschaffen ward, um von einer bisher unbekannten Situation ein vollständiges, wahres Bild zu geben.

Die Grenzboten 2/2 (1842), S. 563. (suub.uni-bremen.de)

Endlich aber, wenn er so tief gesunken ist, daß er hart am Rande des Nichts steht, also nicht noch tiefer sinken kann, dann wird das Elend, das schmerzlich weit ausgebreitete Elend offenbar, und in dieser größeren Verbreitung und Ausdehnung über ganze Massen wird es zum Pauperismus.

Die Grenzboten 2/2 (1842), S. 565. (suub.uni-bremen.de)

Im Ganzen sieht sich die Stadt jetzt viel reinlicher an, als vor Jahren, und der Pauperismus, um die Armuth mit ihrem modernen Namen zu benennen, hält sich mehr versteckt; Straßen und Kanäle sind belebter.

Die Grenzboten 3/1/2 (1844), S. 83. (suub.uni-bremen.de)

Sie bilden die Claſſe der Unſtäten, Ruheloſen, Veränderlichen, d. h. der Proletarier, und heißen, wenn ſie ihr unſeßhaftes Weſen laut werden laſſen, „unruhige Köpfe“.

Solch weiten Sinn hat das ſogenannte Proletariat oder der Pauperismus.

Stirner, Max: Der Einzige und sein Eigenthum. Leipzig 1845, S. 149. (deutschestextarchiv.de)

Zur Allgemeinen machen Beide einen strengen Unterschied zwischen der frühern Gestalt der Armuth und derjenigen, welche sie in der Neuzeit angenommen hat.

Nun aber wollen die Einen den Grund unserer „Massenverarmung“, des sogenannten Pauperismus darin finden, daß die frühern Schranken niedergerissen worden sind, daß die Civilisation zu weit gegangen und sich zu frei entwickelt, sie sehen die Ursache der großen Verarmung einerseits in Institutionen, wie die der Gewerbefteiheit mit ihren anhängenden Erweiterungen leichter Verehelichung, andererseits aber in der religiösen Aufklärung und der aus ihr erfolgten „geistigen Anarchie“.

Die Grenzboten 5/3/2 (1846), S. 272. (suub.uni-bremen.de)

Das Repräsentantenhaus in Washington hat vor kurzem bekanntlich ein Gesetz sanctionirt, durch welches der Einwanderung von Proletariern aus Europa Schranken gesetzt werden sollen Es haben ihm dabei Actenstücke vorgelegen, aus denen allerdings hervorgeht, daß der Pauperismus in den vergleichsweise noch so jungen Städten der Republik schon eben so und mitunter in noch stärkerem Maße um sich gegriffen, als in den Staaten des alten Europa.

Allgemeine Auswanderungs-Zeitung: Organ für Kunde aus deutschen Ansiedlungen, für Rath und That zu Gunsten der fortziehenden Brüder, sowie für Oeffentlichkeit in Auswanderungssachen überhaupt. In: Allgemeine Auswanderungs-Zeitung. Nr. 28. Rudolstadt, 13. April 1847, S. 208. (deutschestextarchiv.de)

Denn für den Leibeigenen war vollends der geistige Pauperismus von vornherein dictirt.

Die Grenzboten 17/3/2 (1858), S. 59. (suub.uni-bremen.de)

Es muß hier nämlich wohl unterſchieden werden zwiſchen der Sorge für Einzelarmuth und den wegen Maſſenarmuth (Pauperismus) zu ergreifenden Maßregeln.

Mohl, Robert von: Encyklopädie der Staatswissenschaften. Tübingen 1859, S. 666. (deutschestextarchiv.de)

Herr Rogers, obgleich Professor der politischen Oekonomie an der Universität zu Oxford, dem Stammsitz protestantischer Orthodoxie, betont in seiner Vorrede zur „History of Agriculture“ die Pauperisirung der Volksmasse durch die Reformation.

Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie. Erster Band. Buch I: Der Produktionsprocess des Kapitals. Hamburg 1867, S. 707. (deutschestextarchiv.de)

Wie alle ihre andern historischen Fortschritte, erkaufte sie auch diesen zunächst durch die völlige Verelendung der unmittelbaren Producenten.

Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie. Dritter Band, zweiter Theil. Buch III: Der Gesammtprocess der kapitalistischen Produktion. Kapitel XXIX bis LII. Hrsg. von Friedrich Engels. Hamburg 1894, S. 157. (deutschestextarchiv.de)

Sozialpolitik, die theoretische Entwicklung und praktische Anwendung der in dem Sozialismus (s. d.) beruhenden Grundsätze; Sozialpolitiker, wer sich mit der Frage, wie die bürgerliche Gesellschaft zu reformieren und wie insbes. die Verhältnisse der arbeitenden Klassen zu gestalten seien (soziale Frage, s. Arbeiter), beschäftigt.

N. N.: S. In: Brockhaus’ Kleines Konversations-Lexikon, Berlin: Directmedia Publ. 2001 [zuerst 1906], S. 71072. [DWDS]

Es ist also eher zu spät als zu früh, wenn man sich an die Bekämpfung eines heute schon weiterverbreiteten, morgen aber vermutlich sich katastrophal auswirkenden geistigen Pauperismus machen will.

Die Zeit, 16. 2. 1962, Nr. 07. [DWDS] (zeit.de)

Der Übergangs gesellschaftliche Pauperismus war übergreifende Armut des aufbrechenden Industrialismus, der durch die Bevölkerungsexplosion den Nahrungsspielraum zu überfluten drohte, aber in einem neuen Ausbau ausgeweitet werden konnte; dieser Pauperismus wirkte generell schichtenbedrohend.

Die Zeit, 24. 4. 1964, Nr. 17. [DWDS] (zeit.de)

Es gibt heute wohl eine neue Zweiteilung zwischen „haves“ und „have-nots“, die durch die menschliche Gesellschaft läuft: die „Besitzenden“ – sie sind durchaus nicht identisch mit den Besitzern materieller Güter – dürfen kreativ tätig sein; die „Nichtbesitzenden“ sind die Empfänger, die Konsumenten, die Nachvollziehen. Sie verdienen zwar unter Umständen genügend, um sich einiges von anderen Erdachtes zu kaufen, aber sie haben dennoch den neuen Pauperismus, die langweilige Arbeit, zu ertragen.

Die Zeit, 27. 10. 1967, Nr. 43. [DWDS] (zeit.de)

Die Manipulation der Bedürfnisse schafft in der „Disparität der Lebensbereiche“ jenes Gefälle zwischen überfüllten Warenhäusern und seelischer Verelendung, zwischen reklamegelenkter privater Kaufkraft und den sozialen Brachzonen von Vorschulerziehung, Bildung, Versorgung der Alten, Kriminalität und seelischen Krankheiten, als dem neuen „Pauperismus leidender Minderheiten“. Dahrendorf bezeichnete die Frankfurter Analysen als „Neopessimismus“.

Die Zeit, 26. 4. 1968, Nr. 17. [DWDS] (zeit.de)

Wer die Lage der Landbevölkerungen im 19. Jahrhundert, noch mehr die der anschwellenden Industrieproletariate und die Entwicklung des Pauperismus im Zeitalter der bürgerlichen Herrschaft studiert, darüber hinaus die Lage der Frauen, der Dienstboten, der Minderheiten etc. – dem muß ins Auge springen, daß der Berufung auf das Volk ein verstümmelter und halbierter Begriff von Volk zugrunde liegt.

Sloterdijk, Peter: Kritik der zynischen Vernunft Bd. 2, Frankfurt: Suhrkamp 1983, S. 444. [DWDS]

Daß die von Marx erwartete zunehmende Verelendung der Arbeiterschaft und die als ihre Folge erwartete proletarische Revolution nicht eingetreten sind, liegt in erster Linie an der demokratischen Überwindung der größten Ungleichheiten im Rahmen des liberalen Rechtsstaates.

Weizsäcker, Carl Friedrich von: Bewußtseinswandel, München: Hanser 1988, S. 438. [DWDS]

Der Übergang zur industriellen Gesellschaft wurde bereits nach 1848 durch eine erste große Spekulationsperiode beschleunigt. Das Gespenst des Pauperismus schien durch den steigenden Bedarf an Fabrikarbeitskräften gebannt, das handwerkliche Kleinbürgertum hatte bis zur Gründerzeit eine Atempause in seinem Kampf gegen die großindustriellen Fertigungsmethoden.

Wittmann, Reinhard: Geschichte des deutschen Buchhandels. In: Lehmstedt, Mark (Hg.) Geschichte des deutschen Buchwesens, Berlin: Directmedia Publ. 2000 [zuerst 1991], S. 8254. [DWDS]

Trotz Pauperisierung, Panik und Protest ist Boris Jelzins Autorität vorerst fast ungebrochen geblieben.

Die Zeit, 14. 2. 1992, Nr. 08. [DWDS] (zeit.de)

Das, was sie wollten, Kultur und Bildung, gilt heute nicht mehr, klagen die Frustrierten. Immer häufiger stößt man in ihren Kreisen auf die Bezeichnungen „Lumpen“, „Lumpenisierung“ (ljumpenizacija) und „Pauperisierung“ für den Verlust des eigenen sozialen Prestiges. Angesichts der „neuen Russen“, der sich in kürzester Zeit bildenden neuen sozialen Schichten von Businessmen, Managern, Fabrikdirektoren, verliert die Intelligenzija ihren selbst die schlimmsten Perioden sowjetischer Herrschaft überdauernden Status einer privilegierten Elite.

Die Zeit, 24. 12. 1993, Nr. 52. [DWDS] (zeit.de)