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Wohngemeinschaft

Politik & Gesellschaft

Kurz gefasst

Gegenwärtig bezeichnet Wohngemeinschaft überwiegend eine selbstgewählte, häufig zeitlich begrenzte Form des gemeinschaftlichen Lebens in einer Wohnung oder einem Haus jenseits traditioneller familiärer Wohnsituationen. Entstanden ist das Kompositum in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wohl im Kontext der Bevölkerungsstatistik. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist die Semantik von Wohngemeinschaft auch von der Semantik des in der Bedeutung weiter gefassten Wortes Gemeinschaft und den von hier aus ausgebildeten Unterformen mitgeprägt. Die heutige Bedeutung bildet sich über die Studenten- und Protestbewegung ab Ende der 1960er Jahre aus: Wohngemeinschaft bedeutet in diesem Verwendungskontext zunächst alternative, politisch motivierte, i. d. R. linksorientierte Kommune im Speziellen; Kommune und Wohngemeinschaft werden in dieser Zeit weitgehend synonym verwendet. Im ausgehenden 20. Jahrhundert treten die Wörter semantisch auseinander: Kommune bleibt die politisch motivierte Wohngemeinschaft, wohingegen Wohngemeinschaft sich entpolitisiert und ausdifferenziert.

Wortgeschichte

Die WG als selbstgewählte Lebensgemeinschaft

In Ausdrücken wie Studenten-WG, Senioren-WG oder Beschäftigten-WG bezieht sich Wohngemeinschaft auf eine selbstgewählte, häufig zeitlich begrenzte Form des gemeinschaftlichen Lebens in einer Wohnung oder einem Haus jenseits traditioneller familiärer Wohnsituationen. Sachhistorisch stellt diese Form des Zusammenlebens zwar keine völlig neue, in ihrer Verbreitung aber eine relativ junge Entwicklung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dar. Das Wort Wohngemeinschaft hingegen ist älter: Es ist mindestens seit dem 19. Jahrhundert bezeugt, damals allerdings noch mit anderer Bedeutung.

Zur Entstehung des Kompositums Wohngemeinschaft im Kontext von Bevölkerungsstatistik und Medizin

Einzelne Bezeugungen reichen bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück (1826), es scheint sich hier aber eher um Spontanbildungen als um ein eingeführtes Wort zu handeln. Das ändert sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Nun tritt Wohngemeinschaft regelmäßig auf und etabliert sich als eigenständiges Wort. Unter Arten der Wohngemeinschaften (Haushaltungen) werden im Statistischen Jahrbuch der Stadt Berlin im Jahr 1878 dann unter anderem Familien ohne Dienstboten von Familien mit Dienstboten unterschieden, weiterhin wird unterschieden, ob Familien Gewerbsgehilfen haben und ob andere Personen zum Haushalt gehören (vgl. Statistisches Jahrbuch Berlin 1878, 4) – Wohngemeinschaft hat hier mithin die Bedeutung Haushaltung, Hausgemeinschaft (1878a). In diesen Kontexten wird Wohngemeinschaft bisweilen von Haushalt bzw. Haushaltung abgegrenzt. Die nicht immer ganz klare Unterscheidung (1878b) erfolgt üblicherweise über den Aspekt der Wirtschaft: Während Haushalt bzw. Haushaltung über die (auch) gemeinsame Wirtschaft bestimmt wird (1900a; 1933), ist Wohngemeinschaft primär über den Aspekt des gemeinsamen Wohnens definiert.

Auffällig ist, dass das Wort zu dieser Zeit nicht nur hier, sondern offenbar allgemein insbesondere in Texten zur Bevölkerungsstatistik auftritt (vgl. 1878a, 1900b). In der breiten Bedeutung als Haushalt, Hausgemeinschaft tritt Wohngemeinschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zudem in medizinischen Abhandlungen, in denen Fragen der Krankheitsübertragung bzw. Ansteckung abgehandelt werden, auf (1919, 1931). Noch 1950 bucht das Deutsche Wörterbuch Wohngemeinschaft mit der Bedeutung gemeinsamer haushalt mit dem Verweis als jurid. term.: hwb. d. staatswiss.² 4, 1131 (1DWB 30, 1218). Im angeführten Handwörterbuch der Staatswissenschaft tritt Wohngemeinschaft wiederum im Kontext von Haushaltsstatistiken auf (1900b).

Wohngemeinschaft und die Semantik von Gemeinschaft

Insofern das Kompositum Wohngemeinschaft aus den Wörtern wohnen und Gemeinschaft gebildet wird, wird sein semantischer Kern auch und gerade von der Bedeutung des Wortes Gemeinschaft mitgeprägt, die ihrerseits historischen Veränderungen unterliegt. So scheint bisweilen in bevölkerungsstatistischen Wortverwendungen jene Bedeutungsdimension von Gemeinschaft durch, die für die frühe Soziologie und ihre Auseinandersetzung mit der Moderne über die Abgrenzung von Gemeinschaft und Gesellschaft charakteristisch ist (zu den Begriffen Gesellschaft und Gemeinschaft vgl. Riedel in GG 2, 801–862), etwa wenn es bei Wilhelm Winkler heißt: Die Wohngemeinschaft ist mehr eine zufällige, äußerliche, weniger eine organische, innere Gemeinschaft. (1933) Zwar verwendet Winkler Gemeinschaft für beide hier voneinander abgegrenzten Formen menschlichen Zusammenlebens, die Formulierung erinnert jedoch stark an Ferdinand Tönnies’ Unterscheidung von Gemeinschaft als vermeintlich vorgängiger, vertrauter, organischer Form menschlichen Zusammenlebens von der mechanischen und ideell gebildeten Form des Zusammenlebens in der der Moderne zugeordneten Gesellschaft: Gemeinschaft ist das dauernde und echte Zusammenleben, Gesellschaft nur ein vorübergehendes und scheinbares. Und dem ist es gemäss, dass Gemeinschaft selber als ein lebendiger Organismus, Gesellschaft als ein mechanisches Aggregat und Artefact verstanden werden soll. (1887)

Nicht nur Formulierungen wie die Winklers verdeutlichen, wie sehr die Semantik des Wortes Wohngemeinschaft durch die Semantik des zunächst älteren und in der Bedeutung weiter gefassten Wortes Gemeinschaft mitgeprägt ist. Zu Zeiten des Nationalsozialismus wird Wohngemeinschaft – das nicht im engeren Sinn zum NS-Sprachgebrauch gehört, jedenfalls wurde es nicht in die entsprechenden Aufarbeitungen des NS-Vokabulars aufgenommen (vgl. Berning 1964, Schmitz-Berning 2000) – in das diskursiv produzierte und weltanschaulich aufgeladene Konzept der Volksgemeinschaft eingegliedert (1940). Sprachhistorisch bis auf Schleiermacher zurückzuführen (vgl. Volk in 1DWB 26, 481), spielt das Wort Volksgemeinschaft im 19. Jahrhundert wohl keine herausragende Rolle; erst nach 1919 und besonders nach 1933 steigt die Verwendung signifikant an (vgl. Schmitz-Berning 2000, 654–659). Volksgemeinschaft schließt im nationalsozialistischen Sprachgebrauch

an die antidemokratische Verwendungstradition des Ausdrucks Volksgemeinschaft an. Volksgemeinschaft bezeichnet die angestrebte Gleichschaltung nach innen, um nach außen Geschlossenheit und Schlagkraft zu gewinnen. Volksgemeinschaft meint speziell: a) die rassisch bestimmte Blutsgemeinschaft, die bereitwillig Opfer auf sich nimmt, die die Gebote der Rassenreinheit und Erbgesundheit fordern; b) die Sozialgemeinschaft solidarischer Arbeiter der Stirn und Faust, die keine Interessensgegensätze kennt und die sich insbesondere in der Betriebsgemeinschaft aus Betriebsführer und Gefolgschaft verkörpert; c) als neuer juristischer Terminus: die Rechtsgemeinschaft, von der das Recht ausgeht im Sinne des Satzes: Recht ist, was dem Volke nutzt. [Schmitz-Berning 2000, 656]

Wenn Wohngemeinschaft dann vergleichbar Worten wie Betriebsgemeinschaft unter das übergeordnete Wort Volksgemeinschaft gestellt wird, dann wird es zugleich semantisch mit den entsprechenden Implikationen besetzt. Der semantischen Einhegung des Wortes Wohngemeinschaft in die nationalsozialistische Weltanschauung entspricht sachhistorisch, dass die Wohngemeinschaft in bestimmten Kontexten gar die Implikation eines politischen Instruments in der Erziehung der Jugend erhält (1934; 1939b – die Wohngemeinschaft steht hier im thematischen Zusammenhang der Fürsorgeerziehung: 1939a).

Wohngemeinschaft alias Kommune: Wohnformen der Studenten- und Protestbewegung

Sachhistorisch sind Wohn- bzw. Lebensgemeinschaften abseits familiärer Verbindungen keine Neuheit. So hat es nicht nur immer schon Formen der Wohngemeinschaft aus Gründen der Wohnungsnot gegeben, auch Formen freiwilligen Zusammenlebens sind deutlich älter, man denke etwa an die Landkommunen der Lebensreformbewegung oder an Künstlerkolonien. Freilich liegt diesen Formen des Zusammenlebens nicht unbedingt das Wort der Wohngemeinschaft im engeren Sinn zugrunde.

Neu sind die ab Ende der 1960er Jahre und im Kontext der Studenten- und Protestbewegungen entstandenen Kommunen, d. h. Wohngemeinschaften, die sich programmatisch als alternativWGd begreifen und deren Gründung politisch motiviert ist (1967). Zu dieser Zeit werden Wohngemeinschaft und KommuneWGd noch weitgehend synonym verwendet (1968b; 1970). Als erste und wohl bekannteste dieser Kommunengründungen kann die Kommune 1 gelten; nach ihrem Vorbild haben sich in der Nachfolge zahlreiche Kommunen und Wohngemeinschaften gebildet.

Entpolitisierung und Auseinandertreten von Kommune und Wohngemeinschaft

Steht die Entstehung von Wohngemeinschaften als Form des Zusammenlebens Ende der 1960er und zu Beginn der 1970er Jahre erkennbar im größeren Kontext der Studenten- und Protestbewegung, entpolitisiert sich das Wohnen in der Wohngemeinschaft bei gleichzeitiger quantitativer Ausbreitung spätestens ab den 1990er Jahren (1995). Damit einher geht der semantische Wandel des Wortes selbst: Wohngemeinschaft ist nun nicht mehr wie noch zu Beginn weitestgehend synonym zu Kommune, sondern bezieht sich nur mehr auf eine selbstgewählte, häufig zeitlich begrenzte Form des gemeinschaftlichen Lebens in einer Wohnung oder einem Haus jenseits traditioneller familiärer Wohnsituationen (1994b, 1992). Zugleich entwickeln sich Wohngemeinschaft und Kommune damit auseinander: Bezeichnet Kommune nun jene politisch motivierte, in der Regel linksorientierte und sich alternativ zur Mehrheitsgesellschaft begreifende Formen des Zusammenlebens wie sie für die Anfangsjahre charakteristisch waren (2004b), meint Wohngemeinschaft eben auch bzw. überwiegend unpolitische Formen des Zusammenlebens abseits familiärer Wohnsituationen, was sich nicht zuletzt in der Wortbildung Zweck-WG äußert (1994a).

Von der Studenten- bis zur Senioren-WG. Ausdifferenzierung an der Schwelle zum 21. Jahrhundert

Mit der zunehmenden Verbreitung der Wohngemeinschaft als Lebensform geht zugleich eine Ausdifferenzierung einher (1995): Das Spektrum reicht heute von Studenten- über Beschäftigten- bis hin zu Senioren-WGs. Die sachhistorische Ausdifferenzierung geht mit der sprachlichen einher: Studenten-Wohngemeinschaft ist im Deutschen Referenzkorpus erstmals 1968 bezeugt (1968a), in den DWDS Referenz- und Zeitungskorpora 1973 (1973); der Erstbeleg für die Abkürzung WG datiert in Letzteren auf 1980 (1980); Senioren-Wohngemeinschaft ist ab Ende der 1970er Jahre (1979), Berufstätigen-WG ab den 2000ern (2007) bezeugt.

Allen diesen Determinativkomposita ist gemein, dass Wohngemeinschaft hier in der Bedeutung von selbstgewählte, häufig zeitlich begrenzte Form des gemeinschaftlichen Lebens in einer Wohnung oder einem Haus jenseits traditioneller familiärer Wohnsituationen verwendet wird und die erste Einheit des Determinativkompositums genauer bestimmt, welcher Personenkreis in der Wohngemeinschaft lebt. Daneben bildet sich – ebenfalls vor dem Hintergrund sachhistorischer Entwicklungen, genauer der Einrichtung von Wohngemeinschaften für minderjährige Jugendliche, Menschen in therapeutischer Behandlung und Menschen mit Behinderung – spätestens ab den 1980er Jahren eine weitere Form der Bedeutung von Wohngemeinschaft aus, genauer pädagogisch und/oder therapeutische Hausgemeinschaften mit entsprechender Betreuung durch Fachpersonal (1981, 2004a). Das Kompositum Jugendwohngemeinschaft ist in der Regel in dieser Bedeutung zu verstehen.

Literatur

Berning 1964 Berning, Cornelia: Vom „Abstammungsnachweis“ zum „Zuchtwart“. Vokabular des Nationalsozialismus. Berlin 1964.

1DWB Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Bd. 1–16. Leipzig 1854–1961. Quellenverzeichnis Leipzig 1971. (woerterbuchnetz.de)

GG Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Hrsg. von Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck. Bd. 1–8. Stuttgart 1972–1997.

Riedel 1975 Riedel, Manfred: Art. „Gesellschaft, Gemeinschaft“. In: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Hrsg. von Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck. Bd. 1– 8. Stuttgart 1972–1997. Bd. 2. Stuttgart 1975, S. 801–862.

Schmitz-Berning 2000 Schmitz-Berning, Cornelia: Vokabular des Nationalsozialismus. Berlin/New York 2000 [Nachdruck der Ausg. Berlin/New York 1998].

Statistisches Jahrbuch Berlin 1878 Statistisches Jahrbuch der Stadt Berlin. Vierter Jahrgang, hrsg. von Richard Böckh. Berlin 1878. (nbn-resolving.de)

Belegauswahl

Um zu gewünschten Ausschlüßen hierüber zu gelangen, erachtete der Verfasser der Versuch-Abhandlung, die verläßigste Base zu wählen, indem er die vorhandenen Nachrichten über die letzte Wohngemeinschaft der Ungarn, vor ihrer Ankunft in Dacien und Pannonien, aus den byzantischen [S]chriften des Constant. Porphyrog. als nächsten Nachrichtgebers zu jener Zeit, indem er im X. Jahrhundert schrieb, da solche, mit der einheimischen Tradition und Geschichtlieferung ziemlich übereinstimmen, zum Anhalt-Punct nahm, und solche, mit den übrigen Spuren aus dem X. IX. VIII. VI. V. und IV. Jahrhundert hinauf, nach den Andeutungen der gleichzeitigen römischen und sonstigen Schriftsteller in Hinsicht der vorhergehenden Schicksale der asiatischen Wandervölker in Verbindung zu bringen beabsichtigen.

N. N.: Resultate über die Abstammung und Heimath der Ungarn. (Fortsetzung). In: Archiv für Geschichte, Statistik, Literatur und Kunst. Mittwoch den 22. und Freytag den 24. Februar 1826. (23 und 24). In: Archiv für Geschichte, Statistik, Literatur und Kunst. Siebzehnter Jahrgang, Wien 1826. Monath Jännaer bis December. S. 127-128, hier S. 128. (books.google.de)

Die Auszählungen welche bei der Wohnstatistik (in Combination mit der Zahl der Wohnungen und ihrer Zimmerzahl) stattgefunden haben, ergeben hinsichtlich der Art der Zusammensetzung der Haushalts- und Wohngemeinschaft die nachstehenden 32 Gruppen.

Statistisches Jahrbuch der Stadt Berlin. Vierter Jahrgang. Herausgegeben von Richard Böckh. Berlin 1878, S. 4. (nbn-resolving.de)

Der Begriff Haushaltung war diesmal abweichend aufgefaßt, nämlich nicht mehr als identisch mit Wohngemeinschaft; so daß, wenn mehrere Haushaltungen in einer Wohnung lebten, sie besonders gerechnet werden sollten; ferner auch insofern abweichend, als einer Haushaltung gleich behandelt werden sollten: die einzeln lebenden selbständigen Personen, welche eine besondere Wohnung innehaben und eine eigene Hauswirthschaft führen; insofern war also der Begriff der Haushaltung andererseits wieder beschränkt worden.

Bevölkerungs-, Gewerbe- und Wohnungs-Aufnahme vom 1. December 1875 in der Stadt Berlin. Im Auftrage der städtischen Deputation für Statistik bearbeitet von Richard Böckh. Erstes Heft. Berlin 1878, S. 22. (books.google.de)

Gemeinschaft ist alt, Gesellschaft neu, als Sache und Namen. […]Dies hat ein Autor erkannt, der sonst nach allen Seiten die politischen Disciplinen lehrte, ohne in ihre Tiefen einzudringen. »Der ganze Begriff der Gesellschaft im socialen und politischen Sinne (sagt Bluntschli Staatswörterb. IV) findet seine natürliche Grundlage in den Sitten und Anschauungen des dritten Standes. Er ist eigentlich kein Volks-Begriff, sondern immerhin nur ein Drittenstands-Begriff …. seine Gesellschaft ist zu einer Quelle und zugleich zum Ausdruck gemeinsamer Urtheile und Tendenzen geworden …. wo immer die städtische Cultur Blüthen und Früchte trägt, da erscheint auch die Gesellschaft als ihr unentbehrliches Organ. Das Land kennt sie nur wenig.« Dagegen hat aller Preis des Landlebens immer darauf gewiesen, dass dort die Gemeinschaft unter den Menschen stärker, lebendiger sei: Gemeinschaft ist das dauernde und echte Zusammenleben, Gesellschaft nur ein vorübergehendes und scheinbares. Und dem ist es gemäss, dass Gemeinschaft selber als ein lebendiger Organismus, Gesellschaft als ein mechanisches Aggregat und Artefact verstanden werden soll.

Tönnies, Ferdinand: Gemeinschaft und Gesellschaft. Abhandlung des Communismus und des Socialismus als empirischer Culturformen. Leipzig 1887, S. 5. (deutschestextarchiv.de)

1. H[aushaltsstatistik] im allgemeinen. Das unterste soziale Gebilde der menschlichen Gesellschaft, in dem sich das persönliche Dasein des einzelnen abspielt, ist die Haushaltung. Die deutsche Reichsstatistik versteht darunter „die zu einer wohn- oder hauswirtschaftlichen Gemeinschaft vereinigten Personen“.

Zahn, Friedrich: Haushaltung. In: Handwörterbuch der Staatswissenschaft. Hrsg. von Dr. J. Conrad, Dr. L. Elster, Dr. W. Lexis, Dr. Edg. Loening. Zweite gänzlich umgearbeitete Aufl. Bd. 4. Galiani – v. Justi. Jena 1900, S. 1126–1137, hier S. 1130–1131.

Im Auslande wird bei Erfassung der Haushaltungen ähnlich wie in Deutschland verfahren; zumeist ist auch da für den Haushaltsbegriff die Personengemeinschaft, nur vereinzelt, z. B. in Österreich, die Wohngemeinschaft massgebend.

Zahn, Friedrich: Haushaltung. In: Handwörterbuch der Staatswissenschaft. Hrsg. von Dr. J. Conrad, Dr. L. Elster, Dr. W. Lexis, Dr. Edg. Loening. Zweite gänzlich umgearbeitete Aufl. Bd. 4. Galiani – v. Justi. Jena 1900, S. 1126–1137, hier S. 1131.

Unter ansteckender (offener) Tuberkulose im Sinne dieser Vollzugsanweisung sind jene Fälle von Lungen- oder Kehlkopftuberkulose zu verstehen, bei denen Tuberkelbazillen nachgewiesen oder die Kranken schon durch ihre klinischen Erscheinungen (vorgeschrittenes Stadium) als Bazillenausscheider erkennbar sind. Zur Erstattung der Anzeige sind verpflichtet: […] 2. der zugezogene Arzt ebenso wie der Vorstand der Wohngemeinschaft. Diese Anzeige kann von den beiden genannten Personen gemeinsam erstattet werden.

Wiener Medizinische Wochenschrift 69 (1919), Nr. 44, Sp. 2177. (onb.ac.at)

Zunächst die Untersuchungen in der Wohngemeinschaft des Offentuberkulösen.

Landau, W.: Technik und Ergebnisse der Umgebungs-Untersuchungen in der städt. Fürsorge. In: Zeitschrift für Tuberkulose 60 (1931), S. 370-383, hier S. 374.

Unter einer Wohngemeinschaft verstehen wir die Gesamtheit aller an einer Wohnung teilnehmenden Personen. Die Wohngemeinschaft ist mehr eine zufällige, äußerliche, weniger eine organische, innere Gemeinschaft. Immerhin hat die Wohngemeinschaft in Zeiten einer Wohnungsnot, in der Haushaltung und Wohngemeinschaft sich nicht regelmäßig decken, sondern die Wohngemeinschaft oft mehrere, auch familienfremde Haushaltungen umfaßt, umgekehrt wieder Mitglieder einer und derselben Haushaltung mehreren Wohngemeinschaften zugehören, ein sozial-pathologisches Interesse. Für den statistischen Praktiker ist die Wohngemeinschaft die am schärfsten umrissene, daher am leichtesten zu fassende Gemeinschaft. Es wird daher bei Volkszählungen häufig der Weg beschritten, die in Wirklichkeit angestrebte Statistik der Haushaltungen über die technische Erhebungseinheit der Wohngemeinschaft zu erlangen, indem für jede Wohnung ein Wohnungsbogen ausgegeben, dieser aber nach Haushaltungen untergeteilt wird.

Eine Haushaltung ist eine Gemeinschaft von Personen, die in einer Wohn- und Hauswirtschaftsgemeinschaft vereinigt sind.

Winkler, Wilhelm: Grundriss der Statistik. II Gesellschaftsstatistik. Berlin 1933, S. 15.

Bei jeder Hochschule werde in Zukunft ein Kameradschaftshaus des NS-Studentenbundes bestehen, eventuell auch bei den Fachschulen, dagegen kämen die staatlichen Kameradschaftshäuser in Fortfall. In den Häusern würden die Mitglieder des NSD-Studentenbundes geschult, dagegen bleibe es den Korporationen überlassen, ob sie daneben noch weitere Wohngemeinschaften errichten.

N. N.: Schulwesen, Studenten, Judenfrage, Beschränkungen. In: Archiv der Gegenwart 2001 [1934], S. 1728. [DWDS]

Wie die Arbeit, so hat auch die Freizeitgestaltung dem Ziel der völkischen Erziehung ausschließlich zu dienen. Die Freizeit hat „Feierabend“ im ursprünglichsten Sinne zu sein. Die Wohngemeinschaft vertiefe im Zögling den Sinn für die Voraussetzungen des völkischen Lebens. Hier ist Gelegenheit, in Feier, Gesang und Spiel, Betrachtung der Lebensbilder großer Männer, Verfolgung des Zeitgeschehens das Erhabene einer guten Gemeinschaft vor die Seele zu stellen.

Marwede, Hermann: Heimerziehung – Erziehung zur Gemeinschaft. In: Deutsche Jugendhilfe früher Zentralblatt für Jugendrecht und Jugendwohlfahrt. Herausgegeben von Hermann Althaus, Dr. Georg U[s]adel, Fritz Ruppert, Dr. Ralf Zeitler. Dreißigster Jahrgang April 1938 bis März 1939. Berlin 1939, S. 237–241, hier S. 239.

„Das Volk kann auf keine Kraft verzichten“! Dieses Führerwort umreißt klar die Aufgabe der Fürsorgeerziehung. Es gewinnt täglich mehr an Bedeutung, da die einsetzbaren Reserven der Arbeitsämter erschöpft sind, jedoch gewaltige Arbeitsvorhaben viele tätige Hände erfordern. Wie manche junge Kraft im Erziehungsheim liegt noch brach, wie unendlich schön und groß steigt unsere Aufgabe täglich vor uns auf, wenn die große Schar gesunder Jungen sich um den Flaggenmast zum täglichen Arbeitsbeginn versammelt. Da tut es wahrlich not, daß die Anstaltserziehung zielsichere Wege geht. Es ist keine Zeit mit Experimenten zu verlieren. Das Ziel, den Zögling gemeinschaftsfähig zu machen, kann auch nur mit Mitteln, mit denen unsere Volksgemeinschaft aufgebaut wird, erreicht werden. Alle Erziehungsfaktoren haben nur dem Endziel zu dienen, sich ihm unterzuordnen, der Wiedereingliederung in die Volksgemeinschaft. Will eine Anstalt überhaupt dieser Aufgabe dienen können, so sind zwei Hauptvoraussetzungen zu schaffen: 1. eine mustergültige äußere Organisation, 2. eine weltanschaulich klar ausgerichtete innere Arbeitsgemeinschaft.

Marwede, Hermann: Heimerziehung – Erziehung zur Gemeinschaft. In: Deutsche Jugendhilfe früher Zentralblatt für Jugendrecht und Jugendwohlfahrt. Herausgegeben von Hermann Althaus, Dr. Georg U[s]adel, Fritz Ruppert, Dr. Ralf Zeitler. Dreißigster Jahrgang April 1938 bis März 1939. Berlin 1939, S. 237–241, hier S. 137.

Das Hinführen des deutschen Menschen zum Leben in der Gemeinschaft durch Adolf Hitler hat dem Volk das Bewußtsein seiner Macht als Gemeinschaft wiedergegeben, dem einzelnen dadurch den Wehrwillen gestärkt und der Gesamtheit des Volkes, der Volksgemeinschaft, ihre innere und äußere Wehrkraft wieder geschenkt. […] Innerhalb des Staatswesens aber ist die Familie der gemeinschaftsbildende Faktor überhaut und das wichtigste Element der Erhaltung der Gemeinschaft. […] Die Familie wiederum lebt und wirkt und steht in engster unmittelbarster Beziehung zur Wohngemeinschaft, dem Zusammenleben mehrerer Familien in einem Hause.

Dauser, Hans: Wohngemeinschaft und Wehrkraft. In: Jahrbuch des deutschen gemeinnützigen Wohnungswesens: ein Leistungsbericht. Bd. 2 (1940), S. 5–10, hier S. 6-7.

Nunmehr sollen sogenannte Projektgruppen an den Universitäten, möglichst in Wohngemeinschaften, den Neuzugängern das theoretische marxistische Rüstzeug vermitteln. Noch hat der SDS nicht alle Brücken zur Realität abgebrochen, noch bemüht er sich um Solidarität mit anderen „außeruniversitären“ und außerparlamentarischen oppositionellen Gruppen, wie der „Offene Brief“ an Ludwig Rosenberg in Sachen Notstand zur Genüge zeigt – mögen auch Dutschke und seine Anhänger das ganze „Establishment“ samt Gewerkschaften und Parlamenten zum Teufel wünschen.

Die Zeit, 15. 9. 1967, Nr. 37 [DWDS]

Studenten-Wohngemeinschaft* Kaum einer mag zugeben …

Der Spiegel, 26. 8. 1968, S. 46. [IDS; aufgerufen am 4. 12. 2019]

Was aber ist eigentlich an rationalen Gründen gegen eine Kommune, das heißt gegen eine Wohngemeinschaft von acht, zehn Menschen einzuwenden?

Die Zeit, 13. 12. 1968, Nr. 50. [DWDS]

Doch Kommune ist nur ein anderes Wort für Wohngemeinschaft.

Die Zeit, 28. 8. 1970, Nr. 35. [DWDS]

In den Universitätsstädten trifft man reine Studenten-Wohngemeinschaften zuhauf an; sie sind mit sich zufrieden, sie haben ungefähr die gleichen Interessen, die Öffnung zur Integration sehen sie nicht ein: „Sollen wir einen Arbeiter etwa als Maskottchen aufnehmen?“

Die Zeit, 12. 1. 1973, Nr. 03. [DWDS; aufgerufen am 4. 12. 2019]

Sie reichen von einfacher, gemeinsamer Fürsorge wie Telephonketten über Rentnerbands bis zu Senioren-Wohngemeinschaften und Teilnahme an Bürgerinitiativen.

Die Zeit, 30. 11. 1979, Nr. 49. [DWDS; aufgerufen am 4. 12. 2019]

Ich esse bei Sabine in der WG mit Abendbrot.

Merian, Svende: Der Tod des Märchenprinzen. Hamburg 1980 [1980], S. 192. [DWDS; aufgerufen am 4. 12. 2019]

In Berlin gibt es inzwischen rund 1200 bis 1500 Projekte des Alternativ- und Selbsthilfebereichs, der – setzt man nur zehn Selbsthilfeglieder und eine Klientel von zehn Leuten pro Nase an – inzwischen 120000 bis 150000 Menschen informiert, betreut und versorgt. Und dort wird gesellschaftlich nützliche Arbeit geleistet: in Frauenhäusern und Jugendwohngemeinschaften, in der Familienfürsorge, in Kinderschutzzentren, in den alternativen Kulturbereichen.

Die Zeit, 02. 1. 1981, Nr. 02. [DWDS]

Hedy (Jennifer Jason Leigh), auf den ersten Blick ein augenfälliger Gegensatz zur attraktiven, selbstbewußten Allie, scheint diese Voraussetzungen zu erfüllen. Zwei „Single White Female“ (Originaltitel) bilden eine Zweck-WG, in die mit der introvertierten Hedy der blanke Wahnsinn einzieht.

Nürnberger Nachrichten, 1. 10. 1992, S. 26. [IDS]

In einer Zweck-WG von College-Absolventen, Abschlußjahrgang 94, verliebt er sich in Lelaina (Winona Ryder), die gerade eine Video-Dokumentation über sich und ihre Freunde dreht.

Die Zeit, 26. 8. 1994, Nr. 35. [DWDS]

Doch diese bieten für den Anfang einige Vorteile, vor allem mit einem Zlmmer in der Wohngemeinschaft.

Berliner Zeitung, 25. 10. 1994. [DWDS]

Anfang der siebziger Jahre gab es in der Bundesrepublik etwa 10 000 Wohnkollektive, zu Beginn der achtziger waren es bereits 65 000. In den neunziger Jahren leben schätzungsweise 500 000 Menschen in WGs. Noch immer treibt es Tausende von Studenten in die Wohnkollektive, wobei das Wohnen über dem Kollektiv steht und nicht umgekehrt. Es gibt die verschiedensten Gemeinschafts-Wohnformen – die Land-WG auf dem Bauernhof, die Edel-WG im luxussanierten Altbau, die Künstler-WG im abbruchreifen Schuppen, die Schwulen-, die Lesben-, die Alten- und die Zweck-WG. Üblicherweise entwickeln sich die aus solch pragmatischen Gründen zusammengewürfelten WGs zu einer Art selbstverwalteter Jugendherberge mit Dauergästen. Im allerharmonischsten Fall entwickelt sich daraus eine Pseudofamilie mit Vater- und Mutterrollen.

Süddeutsche Zeitung, 28. 6. 1995, S. 13. [IDS]

René Martin ist Zivildienstleistender in der therapeutischen Wohngemeinschaft des Diakonischen Werks. Roland Matthes, 53, ist einer ihrer Bewohner.

Berliner Zeitung, 15. 1. 2004. [DWDS]

Ich skizziere meinen skeptischen Zuhörern ein abenteuerliches Leben in einer wilden, freien Welt. Vielleicht sogar eine Kommune in einem halb verwaisten Kaff, großer Garten, bisschen Vieh, Musik, alternative Lebensformen…

Die Zeit, 3. 6. 2004, Nr. 24. [DWDS]

Meyer kommt quasi nach Hause, wenn er jetzt aus Düsseldorf nach Hannover zieht – er zieht demnächst in die Nähe des Lindener Markts. „Ich kenne Linden-Mitte gut. Vor Jahren habe ich da in einer Berufstätigen-WG gelebt“, erzählt der blonde 44-Jährige über seine hannoversche Vergangenheit.

Hannoversche Allgemeine, 4. 9. 2007, S. 15. [IDS; aufgerufen am 4. 12. 2019]